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Die Kugel der Prophetin

Als es am nächsten Morgen klopfte, war ich gerade aufgestanden und dabei, meine Visionen aufzuschreiben, um vielleicht einen Sinn darin zu entdecken. In meiner geistigen Abwesenheit ging ich gar nicht erst zur Tür, sondern rief nur "Herein!" und schrieb weiter. Ich hörte, wie die Tür aufging und wie jemand ein paar Schritte machte.
"Stell das Tablett schonmal da auf den Tisch, ich bin gleich fertig", sagte ich und wollte, die Augen immer noch auf das Blatt vor mir gerichtet, hinter mir auf den Tisch zeigen, da berührte ich plötzlich etwas Weiches. Überrascht schaute ich mich um.
Vor mir stand Kilia, mit einem Becher in der Hand, die ich eben berührt hatte. Sie schaute mich ein bisschen schelmisch an.
"Kilia", rief ich freudestahlend, "du bist wieder da!"
"Ja, Tata. Möchtet Ihr Kaffee?"
"Liebend gern! Bist du auch ganz sicher keine Vision?"
Kilia lachte.
"Nicht, dass ich wüsste. In den Visionen, von denen Ihr mir erzählt habt, kam ich auch nicht vor."
"Das ist es!" sagte ich. Als ich Kilia mich verwundert anschaute, zeigte ich ihr meine Aufzeichnungen und fuhr fort:
"Bisher bist du in keiner meiner Versionen vorgekommen. Aber ich glaube, einmal doch. Kannst du mir mal deine Hand geben?"
Kilias Augenbrauen gingen in die Höhe. Aber langsam hatte sie sich daran gewöhnt, dass solche seltsamen Bitten nur von mir kommen konnten.
"Bittesehr, Tata."
Ich schaute mir ihre Hand nochmal an.
"Aha, siehst du. Ich hatte in deiner Abwesenheit eine Vision, wo ich mich ganz allein in einer verschneiten Winterlandschaft unter einen Baum geflüchtet hatte und zu erfrieren drohte, und sah dann eine Hand. Sie sah so aus wie deine."
Kilia schaute erst ihre Hand an, dann wieder mich.
"Und was ist dann passiert?"
"Ich habe sie genommen", erklärte ich weiter, "und dann hörte die Vision plötzlich auf."
"Bilia sagte mir heute morgen, gestern beim Abendbrot hättet Ihr meinen Namen gerufen", warf Kilia ein.
"Richtig, da hatte ich auch wieder eine Vision. Die war noch seltsamer."
Während wir frühstückten, erzählte ich ihr, wie diese Vision abgelaufen war. Als ich geendet hatte, überlegte Kilia kurz, dann sagte sie:
"Zwei weibliche Gestalten am Himmel, und bei einer leuchteten die Kügelchen auf, bei der anderen nicht... Könnte ich die eine gewesen sein und Bilia die andere? Sie hatte bisher nichts mit den Kügelchen zu tun."
"Sehr gut möglich", sagte ich anerkennend, "das kommt hin. Danke, Kilia!"
Sie lächelte.
"Ich freue mich, wenn ich Euch helfen kann, Tata."
"Sag mal, diese Kügelchen in der Kräutermischung, stammen die von der Saribari-Pflanze?"
Kilia horchte auf.
"Ja. Woher wisst Ihr das?"
"Ich hatte Bilia gefragt, sie wusste es auch nicht und hat Bruder Ambrusius empfohlen. Wir haben ihn besucht und er konnte aus einem Buch in Alteitakunisch eine Beschreibung dieser Pflanze vorlesen. Sie soll sehr schwer zu finden sein, nur wenige Stunden in der Nacht erscheinen und man konnte sie noch nicht nachzüchten."
"Stimmt alles", bestätigte Kilia, "meine Mutter hat es mir schon so erzählt".
"Sehr gut", sagte ich, "dann habe ich also nicht nur eine Dienerin, sondern auch eine Kräuterexpertin an meiner Seite!"
Kilia prustete los, kicherte und sagte dann:
"Nein, Tata, so gut wie meine Mutter bin ich noch lange nicht. Sie hat mich zwar vieles gelehrt, aber um Kräuterexpertin zu werden, braucht man vor allem jahrelange Erfahrung. Und die fehlt mir."
"Kann ich mich mal mit deiner Mutter unterhalten?" fragte ich und hoffte, dass diese Frage nicht zu aufdringlich klingen würde. Aber das war sie offenbar nicht, denn Kilia lächelte wieder und sage dann:
"Klar. Heute abend feiert meine Familie das Bataki-Fest. Ich führe da immer einen Holzstabtanz auf. Ihr könnt gerne dabei sein, wenn Ihr wollt."
"Liebend gern. Noch eine andere Frage, Kilia: Laut dem alten Buch gab es bisher nur einen Fall, bei dem die Einnahme der Kügelchen zu einer Erleuchtung geführt haben soll. Weisst du, wer das war?"
Sie nickte.
"Das war Batakinia. Als sie ein kleines Mädchen war, hat sie die Kügelchen aus Neugier gegessen und so die Erleuchtung bekommen."
Von Batakinia ("Bata": Schwester, Kinia war ihr echter Name) wusste ich immerhin soviel, dass sie die bedeutenste Prophetin des ganzen Planeten war und sich unzählige Mythen und Legenden um sie rankten. Sie war als Kind eines Bauern aufgewachsten und lebte ein ganz normales, bescheidenes Leben, bis sie eines Nachts die Saribari-Früchte ass. Von da an war sie im Besitz der Grossen Weisheit und sagte Tatsachen voraus, die später tatsächlich eintrafen, wie zum Beispiel, dass eines Tages Raumschiffe Uu Eitaku erreichen würden. Nachdem man ihre Begabung erkannt hatte, nahm man sie sofort eine Tempelanlage auf und lehrte sie Lesen und Schreiben. Batakinia verfasste daraufhin zahlreiche Schriften und Lehrsätze, in denen sie sich mit einem fairen und friedlichen Leben auseinandersetzte. Diese Schriften waren so bedeutsam, dass sie nicht nur auf das kirchliche Leben Auswirkungen hatten, sondern auch die Regierungsform davon stark beeinflusst worden war. Auf Batakinia gingen auch viele Gründungen von Tempeln und Bibliotheken zurück, einschliesslich der Schulen, die unter ihrer Herrschaft ausgebaut wurden, damit so viele Leute wie möglich ihre Lehrsätze lesen konnten. Die 5 Gebote, die jede Dienerin einzuhalten hatte, stammten praktisch auch von ihr, und sie hatte für jedes Gebot ausführlich und an zahlreichen Beispielfällen geschildert, warum sie es für sinnvoll hielt. Ihre Argumente waren so stichhaltig, dass sie keiner jemals in Frage stellte.
Immer wieder hatten Mönche deshalb versucht, die Saribari-Pflanze zu finden und ihre Kügelchen einzunehmen. Aber wenn sie diese seltsame Pflanze überhaupt mal fanden, dann leuchteten ihre Früchte nicht. So warteten sie bis heute auf denjenigen, dem es gelang und der damit ihr neuer Prophet werden würde.
"Aha", sagte ich, "Bruder Ambrusius hat mich gebeten, ihm ein Kügelchen dazulassen. Er will es jetzt zum Leben erwecken."
Kilias Augenbrauen gingen in die Höhe.
"Das haben schon viele versucht. Es ist noch keinem gelungen, noch nicht mal meiner Mutter."
"Sag mal, musst du für diesen Holzstabtanz noch üben?"
Kilia schüttelte den Kopf.
"Nicht viel. Ich tanze das ja jetzt schon zum fünften Mal, das ist für mich nicht mehr schwer."
"Und die Vorbereitungen?"
Kilia lächelte.
"Keine Angst, Tata. Meine Geschwister helfen alle bei den Vorbereitungen, mein Vater auch. Aber warum fragt Ihr?"
"Nun, vielleicht kann ich ja auch helfen."
Die Verwunderung stand Kilia ins Gesicht geschrieben. Ein Gast, der einer eitakunischen Familie helfen will? Das war mehr als ungewöhnlich.
"Aber... was ist mit Eurem Kurplan?" fragte sie etwas verwirrt.
Ich kramte ihn heraus und schaute nach, was er für heute vorsah.
"Gleichgewichtsübungen auf der Utamba-Mauer, Rudern zur Zurganja-Insel und anschliessend Laufkicken - nichts Besonderes", sagte ich optimistisch.
"Laufkicken ist aber immer sehr lustig", sagte sie, "und auf der Turganja-Insel wachsen immer schöne Blumen, die können wir als Festschmuck mitnehmen."
Jetzt schaute ich sie etwas spitzbübisch an.
"Willst du mich etwa überreden?" fragte ich mit absichtlich tiefer Stimme und zuckte mit den Augenbrauen. Kilia lachte.
"Nein, aber Ihr müsst auch etwas für Eure Gesundheit tun."
"Na gut", sagte ich schliesslich, "bringen wir das hinter uns und danach gehen wir dann gleich zu deinen Eltern. Abgemacht?"
"Abgemacht, Tata" bestätigte sie lächelnd.

Die Utamba-Mauer war nicht hoch, aber lang und und verlief oberhalb der Stadt an einem Berg als Schutzwall gegen Schlamm und Geröll. Neben ihr führte ein Weg direkt auf den Berg in eine kleine Kapelle. Kilia und ich schlossen uns einer Gruppe an, die gerade dabei war, auf dieser schmalen Mauer entlangzugehen. Auf beiden Seiten wuchs Gras, man fiel also weich, wenn man das Gleichgewicht mal verloren hatte. Aber wenn man sich einigermassen konzentrierte, musste man sich schon sehr ungeschickt anstellen, um herunterzufallen. Dann konnte man aber meistens genausoschnell wieder auf die Mauer klettern und weitergehen.
Natürlich fiel ich einmal herunter, aber auch nur deshalb, weil Kilia vor mir ging und ich beobachten konnte, wie sie voranschritt. Der Anblick war irgendwie romantisch: Sie ging relativ leichtfüssig auf der Mauer, Rücken gerade und beide Arme ausgestreckt. Sie trug wieder ihre Sportkleidung, also das Kapuzenhemd und die Beinkleider, was ihr fast schon ein elfenhaftes Aussehen verlieh. Ab und zu bewegte sich ihr Haar im Wind, dazu rauschten die Bäume um uns herum. Ich muss wohl einmal zu träumen angefangen haben und ausgerutscht sein, jedenfalls fiel ich plötzlich von der Mauer. Kilia sprang gleich herunter und fragte, ob ich mich verletzt hätte, aber mir fehlte nichts, stattdessen schlug ich vor, dass wir die Plätze tauschten. Danach ging es glatt.
Das Rudern zur Turganja-Insel war dagegen lustiger. Wir nahmen ein Boot mit zwei Rudern, jeder also eins auf seiner Seite, und schipperten los, natürlich erstmal in die falsche Richtung, weil wir noch nicht den gleichen Takt gefunden hatten. Nach einer Weile klappte es besser. Die Insel war überwiegend von Gras und Bäumen bedeckt, in der Mitte stand allerdings eine kleine Ruine eines Gebäudes, und Kilia erzahlte mir, dass es früher mal für Sommerfeste als Unterkunft genutzt wurde, dann aber durch einen Sturm schwere Schäden erlitten hatte und seitdem verfiel. Die Natur hatte sich schon den grössten Teil der Fläche wieder zurückerobert und liess dort jede Menge Blumen blühen, von denen Kilia und ich je einen Strauss mit zurück nahmen.
Laufkicken war eine Sportart, die man sich von Kindern abgeschaut hatte: Praktisch schoss man zuerst einen Ball vor sich her und lief ihm nach, bis man ihn eingeholt hatte. Wenn er allerdings irgendwo hingeschossen hatte, wo man ihn nur noch mit der Hand herausholen konnte, musste man ihn stattdessen eine bestimmte Strecke tragen. Meinstens spielte man Laufkicken zu zweit, weil es so einfach mehr Spass machte. Kilia lachte dabei sehr viel, weil ich immer, wenn der Ball irgendwo festklemmte, mit verstellter Stimme solche Sätze von mir gab wie "Ball haben schnelle wech, musse herkomme schnell wieder." Sie verstellte ihre Stimme ebenfalls und sagte sowas wie "Ball nicht folge Tata - Ball folge grüne Farbe". Was nur bestätigte, dass wir einen ähnlichen Humor hatten.

Es war später Nachmittag, als wir schliesslich wieder vor dem Haus ihrer Eltern standen. Ihr Vater öffnete uns, Kilia und ich gingen hinein und trafen in der Küche auf ihre Mutter.
"Mata, das ist Tata, er möchte heute am Bataki-Fest teilnehmen. Tata, das ist meine Mutter", stellte uns Kilia vor.
Ihre Mutter hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Ich dachte, sie wäre eine ältere Frau mit Kopftuch und grauem Rock, spräche nur Eitakunisch und würde auf mich eher misstrauisch reagieren. Stattdessen begrüsste mich eine Frau mit rostroten, langen Haaren, die sie zu einem Zopf zusammengebunden hatte, und einem dunkelgrünen Leinenrock mit schwarzer Schürze - was ihr sehr gut stand. Sie mochte etwa 50 Jahre alt sein, aber man sah es ihr auf den ersten Blick nicht an, und in ihren Augen lag genau dieses Spitzbübische, was ich auch schon bei Kilia öfters bemerkt hatte. Ihr Lächeln war warm und freulich.
"Willkommen in unserem Haus, Tata. Ich freue mich, dass Ihr an unserem Fest teilnehmen wollt. Möchtet Ihr was trinken?"
"Danke nein", antwortete ich, "im Moment habe ich keinen Durst. Ich würde Euch gern bei den Vorbereitungen für das Fest helfen, wenn Ihr es gestattet."
Kilias Mutter war erstaunt, sagte dann aber:
"Vielen Dank, uns ist jede helfende Hand willkommen. Kilia, führe ihn mal ins Wohnzimmer, da ist noch genug zu tun."
"Kommt mit, Tata", sagte Kilia.
Auf dem Weg dahin fragte ich sie:
"Sag mal, wieso kann deine Mutter andere Sprachen sprechen?"
Kilia lächelte geheimnisvoll, dann sagte sie:
"Meine Mutter war früher mal Nonne. Sie hat ihr Tempelleben irgendwann aufgegeben - aus Liebe zu meinem Vater. Dann wurde sie eine Dienerin."
Ich verstand, das erklärte vieles. Die Liebe zwischen ihren Eltern musste gross gewesen sein, denn eine Tempelanlage zu verlassen, in der sie gut ausgebildet war und eine sichere Zukunft hatte, und dafür einen Bauhelfer aus sehr einfachen Verhältnissen zu heiraten, dazu gehörte sehr viel Mut und Zuversicht.
"Das finde ich bewundernswert", gab ich zu.
Ich half Kilia, das Wohnzimmer mit Blumen zu schmücken, die Möbel richtig hinzurücken, das Geschirr aufzudecken, die Scheiben zu wischen und vieles andere mehr. Es war überhaupt keine Belastung, sondern machte richtig Spass. Die meisten Sachen erledigten wir gemeinsam, und dabei erzählte sie mir vieles, was früher mit dem Haus passiert war und sie mit ihren Geschwistern erlebt hatte (denen ich auch öfter begegnete, sie arbeiteten entweder in der Küche oder halfen ihrem Vater). Ausserdem erfuhr ich von ihr noch, dass das Bataki-Fest neben der Jahreswende das wichtigste Fest auf Uu Eitaku war und ihre Familie und Verwandten alle zusammenlegten, um es sich leisten zu können. Mir kam es so vor, als hätten wir hier die Rollen gewechselt - ich war jetzt der Diener und sie diejenige, die mir Anweisungen erteilte. Mich störte das überhaupt nicht. Ich hatte einmal den Spruch eines Dichters gelesen, der lautete "Hand in Hand zu arbeiten ist auch eine Art von Berührung", und das konnte ich jetzt direkt nachvollziehen.
Am späten Nachmittag waren wir fertig und mussten jetzt unsere Festkleidung anziehen. Ich hatte eine dunkle Hose, ein blaues Hemd und eine schwarze Weste mitgenommen und hoffte damit, unter ihren Verwandten nicht allzusehr aufzufallen. Kilia hatte ein Kleid anzogen, das oben gelb und unten dunkelblau war und hervorragend zu ihren grünen Haaren passte. Auch ihre Geschwister und ihre Mutter hatten sich festlich gekleidet. Der einzige, der etwas aus der Rolle fiel, war ihr Vater, dessen Strickjacke und Halbstiefel ihn etwas alltäglicher aussehen liessen. Wie mir Kilia später erzählte, war das für ihn schon viel, denn eigentlich war ihr Vater bei Kleidung sehr anspruchslos und trug am liebsten immer das gleiche. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, mich noch etwas mit ihrer Mutter zu unterhalten, aber  es gab so viel zu tun, dass dafür keine Zeit mehr übrig blieb. Ich beschloss deshalb, das Vorhaben auf einen anderen Tag zu verschieben, wo es eine bessere Gelegenheit dazu gab.

Die ersten Gäste trafen ein. Kilia stellte mich jedem ihrer Verwandten vor, aber ich muss gestehen, dass ich mir nach dem 10. Besucher die Namen nicht mehr alle merken konnte. Insgesamt waren es am Ende etwa 30 Leute, die sich auf das Wohnzimmer und einen weiteren Raum verteilten. Kilias Verwandte wohnten nicht alle in ihrer Stadt, einige waren sogar von weit her gereist und hatten teilweise normale Berufe wie Maurer, Tischler, Baumeister, Steinmetz oder Kesselschmied, aber auch so ausgefallene wie Pergamentmacher, Böttcher oder Edelsteinhändler. Einer war sogar Finanzverwalter, eine etwas höfliche Umschreibung seiner Tätigkeit, denn in Wirklichkeit hatte er den unpopulären Beruf eines Steuereintreibers. Viele der Frauen waren entweder Näherinnen, Marktfrauen oder Köchinnen. Mit den meisten von ihnen konnte ich mich relativ gut unterhalten, einige sprachen dagegen mit derbem Akzent, so dass ich mir von Kilia immer übersetzen lassen musste, was mir gerade gesagt wurde. Plötzlich läutete ein Bruder von Kilia eine Glocke und gab der überraschten Menge bekannt, dass das Essen nun bereitstand. Wir gingen in einen weiteren Raum, der auf seinen Tischen allerlei Suppen, Gemüse, Fleischgerichte, Früchte und Salate anbot. Vieles davon kannte ich noch gar nicht und fragte Kilia, was sie empfehlen könnte. Sie lachte und sagte, es wäre nichts dabei, was man nicht vertragen könnte, ihre Mutter wäre nur sehr geschickt darin, es reichlich geheimnisvoll zu dekorieren. Und tatsächlich entpuppte sich manche Knolle oder ungewöhnliche Frucht als Brot oder Kloss und der eigenartige Tintenfisch bestand auch nur aus geschickt zusammengerollten Nudeln. Ich musste feststellen, dass ihre Mutter ebenfalls ein interessantes künstlerisches Talent besass.

Während wir assen, wurde ich von Kilias neugierigen Verwandten weiter ausgefragt. Sie äussersten sich erstaunt, dass ein Gast von einem anderen Planeten am Bataki-Fest teilnimmt, denn ich wäre da sogar der erste, den meisten wäre das entweder zu peinlich oder zu ungewohnt. Allerdings gaben sie auch nicht wenig von sich preis, und am Ende wusste ich unter anderem, wie sie zu ihrem Beruf gekommen waren, wie ihre Schulzeit verlaufen war oder was sie mit Kilia erlebt hatten. Es waren einfache, aber sehr humorvolle Leute, die mit beiden Beinen im Leben standen, auch schwierige Zeiten durchgemacht hatten und trotzdem immer noch etwas fanden, worüber sie lachen konnten. Ich merkte gar nicht, wie die Zeit verging, bis plötzlich drei ihrer Verwandten Instrumente hervorholten und zu spielen begannen. Spontan fingen alle andere an zu singen, es war wohl ein sehr populäres Lied, das wie viele volkstümliche Lieder auf Uu Eitaku erst normal gesungen wurde, bis es nach einer kurzen Pause in einem kurzen, aber lautstarken Finale endete. Dann wollte einer ihrer Verwandten wissen, ob ich nicht auch ein lustiges Lied kannte. Ich überlegte kurz und entschied mich dann für eins, das ihnen nicht zu fremd vorkommen würde und sie leicht nachsingen konnten. Erstaunlicherweise brauchte ich es nur einmal vorzusingen, dann fingen Kilias drei Verwandte an, es mit ihren Instrumenten nachzuspielen, schliesslich sangen alle den ziemlich sinnlosen Text mit. Ich liess mir noch einfallen, dass man am Ende jeder Strophe seinen Arm anders halten musste, was sie prompt nachahmten und sich dabei über ihre ungelenken Bewegungen krumm lachten. Als es genug war, sagte ich "Schluss!" und machte eine tiefe Verbeugung. Dem nachfolgenden Applaus nach zu urteilen, hatte ihnen diese Vorführung gut gefallen.

Als ich wieder am Tisch sass, war Kilias Platz leer. Ihre Verwandten erklärten mir, sie müsse sich jetzt für den Holzstabtanz umziehen. Es dauerte noch eine ganze Weile, dann trat Kilias Vater vor die Menge, bat um Ruhe und kündigte die Vorführung an. Die Gäste applaudierten deutlich leiser, ihnen war jetzt eine gewisse Anspannung anzumerken. Dann tauchte Kilia mit dem Holzstab auf, der einem Hirtenstab glich, durch seine mit vielen Verzierungen versehenen Krümmung am einen Ende aber auch Ähnlichkeit mit einem Schlüssel hatte. Sie hatte ein anderes Kleid an, purpurfarben mit einer blauen Schleife in der Mitte. Draussen war es längst dunkel geworden, deshalb hatte Kilias Geschwister überall Kerzen aufgestellt, die jetzt alles in schattiges Licht tauchten und somit unter den Anwesenden eine geheimnisvolle, fast mystische Atmosphäre verbreiteten.

Kilia stellte sich in die Mitte der freien Fläche des Wohnzimmers auf, der extra für den Tanz reserviert gewesen war und verneigte sich. Dann setzte langsam die Musik ein. Zuerst spielte einer ihrer Verwandten auf sowas wie einer Oboe, dann stimmte ein anderer auf einem Art Kontrabass ein, und wenig später schloss sich ein dritter mit einer kleinen Trommel an. Sie schienen geübt zu sein, denn es klang sehr harmonisch. Kilia begann sich langsam in Aktion zu versetzen. Zuerst bewegte sie den Stab nur auf dem Boden, dann mehr in der Luft und schliesslich mehrmals auf und ab, mal in die eine, dann in die andere Richtung, und die Melodie des Tanzes schien immer direkt diesem Stab zu folgen. Es schien so, als würde sie damit ab und zu etwas aufsammeln und hinter sich mitnehmen. Einmal zeigte sie mit dem Stab auch auf mich, aber das wertete ich als Zufall. Das Tempo der Musik nahm nach und nach zu, und Kilias Bewegungen wurden zunehmend komplexer. Man merkte ihr an, dass sie diesen Tanz sehr gut kannte, sie schien ihn direkt auf ihre Art zu interpretieren. Einige ihrer Verwandten, sichtlich beeindruckt, wiegten sich im Takt der Musik hin und her. Auch auf mich hatte dieser Tanz eine faszinierende Wirkung, es kam mir vor, als würde Kilia, je länger sie tanzte, immer heller werden, während die Dunkelheit um sie herum zunahm. Die Musik kam jetzt offenbar in die dramatische Phase, das oboenähnliche Instrument war deutlich lauter zu hören, der Bass brummte im Hintergrund und die Trommelstäbe schlugen schneller auf die kleine Trommel ein, so als würden alle auf einen gemeinsamen Höhepunkt zusteuern. Dieser hatte nun auch mich erfasst, ich sah praktisch nur noch Kilia und ihren Holzstab, der durch die Luft wirbelte, fordernd und forcierend, gewandt und gebieterisch, und dabei fortwährend Figuren und Zeichen malte, die mir auf seltsame Art und Weise bekannt erschienen, sich aber von mir nicht lange betrachten lassen wollten, sondern meinem Auge rasch entkamen. Und als die Musik endlich auf ihrem Höhepunkt war und die Bewegungen des Holzstabes, die Klänge der Instrumente und das Licht um Kilia herum eine Einheit bildeten, leuchtete direkt über ihr etwas auf, drehte sich einmal im Kreis und blieb dann mitten unter der Decke stehen. Es war eine Kugel mit etwa einem halben Meter Durchmesser und einer Oberfläche, die warmes, rotgelbes Licht abstrahlte. Sie drehte sich langsam um sich selbst und schickte dabei einen Lichtstrahl durch den Raum. Als der mich traf, liess sie ihn eine Weile auf mir verweilen, um ihn dann verschwinden zu lassen. Jetzt begann sie zu sprechen, aber ich war offenbar der einzige, der sie hören und sehen konnte, denn keiner der Anwesenden schenkte dieser Kugel Beachtung, obwohl sie schon wegen ihrer Helligkeit hätte auffallen müssen. Plötzlich verstand ich, was passiert war: Für Kilia und ihre Verwandten hatte sie nur einen Holzstabtanz aufgeführt, aber in Wirklichkeit war es offensichtlich ein Beschwörungstanz und die grosse, helle Kugel, die dort in der Luft schwebte, war genau deswegen aufgetaucht.

Kilia hatte ihren Tanz beendet. Es gab tosenden Applaus, Anfeuerungen, Jubelschreie.  Sie verneigte sich mehrmals. Als der Applaus weiter anhielt, vollführte sie nochmal ein paar Bewegungen mit dem Holzstab und verneigte sich abermals. Für mich geschah das alles eher im Hintergrund, ich starrte wie gebannt auf diese Kugel, die mir ständig etwas erzählte, was ich aber nicht verstand.
"Tata?" fragte Kilia. Sie war zu mir gekommen und schaute mich fragend an. "Tata, habt Ihr eine Vision?"
"Ja", sagte ich, ohne sie anzuschauen, "da ist eine grosse, helle Kugel, mitten im Raum unter der Decke. Und sie spricht zu mir."
"Was sagt sie denn?"
Ich versuchte nachzusprechen, was die Kugel mir erzählte, aber wegen des Lärms um mich herum konnte ich vieles gar nicht richtig verstehen und fragte Kilia schliesslich:
"Hast du das verstanden?"
Sie schüttelte den Kopf.
Ich raufte mir die Haare.
"Oh verflucht", dachte ich, "ich habe diese Visionen, und ausgerechnet der einzigen Frau, die mich versteht, an mich glaubt und mir vertraut, ausgerechnet der kann ich sie nicht zeigen! Ich bin verflucht! Ja, genau das bin ich!"
Die Verzweiflung hatte mich gepackt. Ich konnte nur noch die Hände vor mein Gesicht halten, aber nicht mehr verhindern, dass ein kleiner Schluchzer nach draussen drang.
"Tata...", sagte Kilia leise, und dann spürte ich, wie sie ihre Hand auf meine Schulter legte. Und plötzlich rief sie: "Tata, ich sehe, was Ihr seht!"
Auf einmal  hatte ich das Gefühl, als würde die Zeit ein paar Sekunden stillstehen. Meine Verzweiflung war wie weggewischt. Ich sah, wie Kilia mit dem Zeigefinger auf die Kugel vor uns deutete. Das konnte nur eines bedeuten: Ihre Berührung hatte die Brücke zu mir hergestellt. Unsere Seelen waren in diesem Augenblick im Einklang.
"Sie sagt, Ihr sollt keine Angst haben", erklärte mir Kilia. Sie selbst schien sich keines­wegs zu fürchten, sondern sich sogar darüber zu freuen, dass sie endlich an meinen Visionen teilhaben konnte, und fuhr fort:
"Wenn Ihr die Saribari-Früchte zum Leuchten bringen wollt, müsst Ihr wie Batakinia durch Wind und Licht gehen. Dann wird sie Euch erreichen."
Ihre Hand lag immer noch auf meiner Schulter. Es war ein schönes, warmes Gefühl, und ich fühlte mich zum ersten Mal nach unendlich langer Zeit wieder glücklich.
Kilia übersetzte wieder:
"Sie hat noch gesagt, sie muss jetzt verschwinden. Aber sie findet es schön, dass Ihr mir vertraut, und wir sollen zusammen bleiben, weil die Symmetrie unserer Seelen aussergewöhnlich harmonisch ist."
Die grosse Kugel drehte sich noch einmal und war dann so plötzlich verschwunden, wie sie entstanden war.
Spontan umarmte ich Kilia. Mir war es jetzt völlig egal, was andere darüber dachten oder sagen würden, denn ich wusste jetzt, dass ich das richtige tat.
"Kilia, ich danke danke danke dir, von tiefstem Herzen. Du bist die beste Dienerin, die diese Welt je gesehen hat! Du bist grossartig! Ich kann dir nicht sagen, wie froh ich bin, dass es dich gibt!" sagte ich überschwenglich.
Kilia wusste erst nicht richtig, wie ihr geschah, aber als sie es nach kurzer Zeit begriffen hatte, lächelte sie, umarmte mich auch und sagte:
"Ich kann mir keinen besseren Tata als Euch vorstellen, Tata."
Diejenigen ihrer Verwandten, die das gesehen hatten, riefen uns lautstark etwas zu. Kilia schaute sich kurz um, dann sagte sie zu mir:
"Sie wollen, dass wir zusammen tanzen."
"Tun wir ihnen den Gefallen. Aber tanze nicht zu schnell, ich bin etwas aus der Übung."
"Keine Angst, Tata. Ich kenne einen Tanz, der ist ganz leicht. Macht einfach nur meine Schritte nach."
Sie rief einem ihrer Verwandten, der ein Instrument in der Hand hielt, etwas zu. Vermutlich war das der Name des Liedes, zu dem der Tanz passte. Dann führte sie mich auf die freie Fläche und machte ihrem Verwandten ein Zeichen.
Der Mann fing an zu spielen. Sie vollführte nun ein paar Schritte, die sich nach kurzer Zeit wiederholten. Ich machte es ihr nach. Am Anfang war es noch recht holperig, dann ging es immer besser. Dazu spielten und sangen ihre Verwandten dieses Lied, das einfach, aber sehr rhythmusbetont war und tatsächlich Spass machte. Kilia erzählte mir später, dass es etwa diesen Text hat: "Jetzt hast du richtig gedacht, jetzt hast du es richtig gemacht, tanz' mit ihr den Tanz". Ehrlich gesagt hätte es zu diesem Abend nicht besser passen können.

Unsere Umarmung hatte zum Glück einen anderen Eindruck auf Kilias Verwandte hinterlassen, als ich gedacht hatte, denn sie waren der Meinung, ich wäre von Kilias Holzstabtanz unheimlich beeindruckt gewesen und hätte mit dieser Umarmung darum gebeten, mit ihr zu tanzen. Und damit lagen sie gar nicht mal so verkehrt, denn auch ohne diese Vision hätte ich ihre geschmeidigen Bewegungen und geschickten Gesten sehr bewundert. Sie hatte ohne Zweifel ein enormes künstlerisches Talent.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, versuchte ich als erstes, mich an den gestrigen Abend zu erinnern. Ich wusste noch, dass ich die grosse Kugel gesehen hatte und dann mit Kilia getanzt hatte, aber so sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, was danach passiert war. Dabei hatte ich nicht mal Alkohol getrunken, daran konnte es also nicht liegen. Plötzlich fielen mir die Worte von Kilia wieder ein, die sie mir gesagt hatte, als sie mich umarmte, und wie glücklich ich in diesem Augenblick war. Noch wichtiger war für mich die Tatsache, dass sie jetzt in der Lage war, meine Visionen genauso zu sehen wie ich. Das stimmte mich froh, weil ich ihnen jetzt nicht mehr allein ausgeliefert sein würde. Ich beschloss, diesen Abend noch lange in guter Erinnerung zu behalten, denn das würde mir leichter über dunkle Tage hinweghelfen.
Aber wo war ich jetzt eigentlich?

Dies war jedenfalls nicht mein Zimmer im Kurhaus, sondern offenbar ein Dachboden, wie ich an den Schrägen über mir erkennen konnte. Vor mir liess ein kleiner Erker Sonnenlicht herein und weiter hinten führte eine Treppe hinunter, erkennbar durch das Geländer links daneben. Ich lag unter einer Decke, unter mir befand sich eine weitere Decke, etwas dicker, und unter der lag eine Schicht Stroh. War ich nackt? Nein, zum Glück hatte ich noch meine Unterwäsche an. Aber wo waren Hemd und Hose? Plötzlich sah ich beides über das Geländer gehängt. Als ich mich weiter aufrichtete und nochmal umsah, entdeckte ich direkt neben meinem Bett ein Blatt Papier, das so aussah, wie das, was ich Kilia geschenkt hatte. Ich riss es gleich an mich und las die in einer sehr gut lesbaren, fast schon künstlerischen Schreibschrift:

"Guten Morgen, Tata! Gestern war viel los, Ihr könnt Euch heute ruhig ausschlafen. Ich bin ganz in der Nähe, wenn Ihr mich sehen wollt, ruft einfach nach mir. Es hat viel Spass gemacht, mit Euch zu tanzen! Mama meint auch, Ihr wärt ein toller Tänzer und will Euch schon jetzt zum nächsten Fest einladen. Wir sind gerade dabei, aufzuräumen und wollen dann das essen, was von der Feier übriggeblieben ist. Ihr seid herzlich eingeladen! Eure Dienerin Kilia."

Kilias erster Brief an mich! Ich las ihn mehrmals durch, um sicherzugehen, dass er echt und kein Bestandteil einer Vision war. Aber wieso meinte ihre Mutter, ich wäre ein toller Tänzer? Erstens lag mir Tanzen eigentlich gar nicht und zweitens hatte ich doch gar nicht mit ihr getanzt - oder doch?

Mir gingen so viele Fragen im Kopf herum, dass ich beschloss, nicht länger zu warten, sondern mich gleich anzuziehen und Kilia zu suchen. Kaum hatte ich meine Kleidung angezogen und den Brief an mich genommen, hastete ich die Trepper herunter, ging durch eine Tür und stand offenbar in einem Hof. Das Haus von Kilias Eltern stand rechts von mir, geradeaus sah ich eine grüne Wiese und links eine umzäunte Sandfläche, auf der Hühner pickten. Zum Glück musste ich Kilia nicht rufen, denn eine ihrer Schwestern, die vor dem Haus stand, hatte mich gesehen, winkte mir kurz zu und verschwand dann. Kurze Zeit später kam Kilia aus dem Haus, nun in der Kleidung einer Dienerin.
"Guten Morgen, Tata!", begrüsste sie mich fröhlich, "ich hoffe, Ihr konntet gut schlafen.  Verzeiht, dass Ihr auf dem Dachboden schlafen musstet, wir hatten nur im Haus nichts mehr frei. Wollt Ihr frühstücken?"
"Gern", antwortete ich, und während wir uns Haus gingen, fragte ich sie: "Sag mal, Kilia, was ist denn gestern noch passiert? Du hast mir geschrieben, deiner Mutter nach wäre ich ein toller Tänzer, aber ich habe doch gar nicht mit ihr getanzt."
Kilia kicherte.
"Wisst Ihr das nicht mehr? Ihr habt auch mit meiner Mutter getanzt, sogar mehrmals, und als meine Schwestern mit Euch tanzen wollten, habt Ihr das auch getan. Dann wollten einige meiner Verwandten mit Euch tanzen, aber Ihr habt mich gefragt, ob ich nicht etwas wüsste, was man zu mehreren tanzen kann. Also haben wir den Watakamu getanzt."
Ich kratzte mich am Kopf.
"Noch nie gehört. Ich hoffe, ich habe niemandem auf die Füsse getreten."
Kilia lachte.
"Überhaupt nicht, Tata. Und nach dem Watakamu wolltet Ihr nur noch mit mir tanzen."
Verwundert fragte ich:
"Habe ich das dann auch?"
"Oh ja, Tata, das habt Ihr - fast bis zur Morgendämmerung."
Wie betraten das Wohnzimmer, das schon ordentlich aufgeräumt worden war, einige der Tische und Stühle von gestern standen allerdings noch an ihrer Stelle. Auf einem Tisch befanden sich die Speisen, die übrig geblieben waren, auf einem anderen Teller, Besteck, Becher und Krüge mit Getränken.
"Hier könnt Ihr Euch hinsetzen, Tata", sagte Kilia und wies mir einen Platz zu. "Was darf ich Euch bringen?"
"Danke, Kilia, ich würde es mir gern selbst holen. Du kannst dich schonmal hinsetzen", bot ich ihr an. Kilia folgte, ich ging zu den Speisen und kehrte mit einem vollen Teller von dem zurück, was mir gestern am besten geschmeckt hatte. Kaum hatte ich mich neben sie gesetzt, sagte ich:
"Vielen Dank übrigens noch für deinen Brief - war eine nette Überraschung! Wie bin ich denn gestern auf diesen Dachboden gekommen?"
Kilia lachte.
"Eigentlich wolltet Ihr gar nicht hier bleiben, aber Mama hat es Euch angeboten. Wir haben die Decken geholt und Euch hingeführt, und als wir dort waren, habt Ihr Euch eine Decke übergeworfen und behauptet, das Gespenst vom Bauernhof zu sein."
Ich staunte über mich selbst. So kannte ich mich gar nicht.
"Und dann?" fragte ich.
"Dann haben wir Euch gesagt, die Geisterstunde ist schon vorbei, und wir müssten jetzt auch schlafen gehen. Als wir gingen, habt Ihr uns noch etwas hinterhergesungen, aber ich habe es nicht verstanden."
"Merkwürdig, war ich wirklich so fröhlich?" fragte ich zweifeld.
"Ihr wart gestern wie ausgewechselt, Tata", erklärte Kilia beigeistert, "all die Tage vorher wart Ihr so zurückhaltend und irgendwie bedrückt, aber bei unserer Feier habe ich eine ganz neue Seite von Euch kennengelernt. Ihr könnt richtig gut Stimmung machen, wenn Ihr wollt."
Mir fiel eine wichtige Frage ein.
"Danke, Kilia. Erinnerst du dich noch an die Kugel, die du auch gesehen hast?"
Kilia nickte.
"Sie ist aufgetaucht, als dein Holzstabtanz zu Ende war. Und sie war die erste Vision, die ich nicht als Bedrohung empfunden habe", erklärte ich.
"Ich fand sie auch nicht bedrohlich", gab Kilia zu, "sie war so hell und hatte eine weibliche Stimme."
Ich musste mir eingestehen, dass ich das gar nicht bemerkt hatte. Kilia fuhr fort:
"Sie wollte auf jeden Fall etwas Positives. Vielleicht war es eine Art positive Energie."
"Hm, was hat sie mir nochmal gesagt? Es hatte mit diesen Kügelchen zu tun."
"Sie hat gesagt, wenn Ihr die Saribari-Früchte zum Leuchten bringen wollt, müsst Ihr wie Batakinia durch Licht und Wind gehen, dann wird sie Euch erreichen", wiederholte Kilia.
"Moment mal", sagte ich, "Licht und Wind? Was meint sie damit? Und wer soll mich erreichen?"
Kilia schaute mich eher fragend an, als dass sie eine Antwort gewusst hätte.
"Das weiss ich leider auch nicht, Tata. Aber wir könnten Frata Ambrusius fragen. Es gibt keinen, der über Batakinias Leben so viel weiss wie er."
"Dann lass uns ihn heute besuchen."
Ich starrte auf ihren Teller, der noch immer leer vor ihr stand.
"Oh, entschuldige, Kilia. Ich frage soviel und du kommst gar nicht zum Frühstücken. Darf ich dir irgendwas bringen?"
Kilia lachte wieder.
"Danke, Tata, ich habe schon gefrühstückt. Aber warum macht Ihr das? Ich bin doch Eure Dienerin."
Mir fielen meine Worte von gestern wieder ein. Schmunzelnd sagte ich ihr:
"Nein, nicht ganz, Kilia: Du bist die beste Dienerin der Welt. Und deshalb muss ich dir genauso den Dienst erweisen. Komm, trink wenigstens was mit mir. Was kann ich dir einschenken?"
"Gebt Ihr das hier", sagte jemand und reichte mir den Krug. Es war Kilias Mutter, die gerade vorbeigekommen war und unsere letzte Worte mitbekommen hatte, "Ramata-Saft mag sie besonders. Ich bin gleich bei Euch."
Sie holte sich einen Stuhl und setzte sich vor uns. Ich schenkte Kilia in den Becher vor mir ein. Sie bedankte sich, ein wenig verlegen. Es kam sehr selten vor, dass ein Gast seine Dienerin bediente - schon gar nicht, wenn es nicht mal seine Erste Dienerin war.
"Und, Tata, wie hat Euch unser Fest gefallen?" wollte Kilias Mutter wissen.
"Traumhaft", gab ich zu, "besonders der Holzstabtanz von Kilia war spitze. Wie lange braucht man, bis man das so hinbekommt?"
"Kilia hat zwei Jahre geübt, bevor sie ihn zum ersten Mal zeigen konnte."
"Es waren drei Jahre, Mutter", berichtigte Kilia.
Die wischte den Einwand beiseite.
"Dann lass es drei sein. Auf jeden Fall wird sie jedes Jahr besser. Wenn ich ehrlich bin, hat sie dieses Jahr direkt einen Sprung gemacht - wer weiss, woran das liegt", sagte ihre Mutter und schmunzelte dabei schelmisch.
Kilia errötete ein bisschen.
"Ihr seid übrigens ein guter Tänzer", fuhr ihre Mutter fort, "und der Humor kommt bei Euch auch nicht zu kurz. Würdet Ihr an unserem nächsten Fest auch teilnehmen? Nächstes Jahr feiern wir wieder."
"Versprochen", sagte ich. Mir brannte eine Frage unter den Nägeln, und ich wusste, dass ich sie jetzt stellen musste.
"Vielen Dank auch für Eure Kräutermischung. Ich habe sie schon probiert und genossen. Wo habt Ihr eigentlich diese verschiedenfarbigen Kügelchen her?"
"Ach die", sagte ihre Mutter, "ich habe sie zufällig gefunden."
"Ja, als du bei Onkel Yaruk warst und einen Tag länger nach den Kügelchen gesucht hattest",  ergänzte Kilia verschmitzt.
Ihre Mutter stiess sie kurz mit dem Ellenbogen an.
"Diese jungen Leute können mal wieder das Schnattern nicht lassen, Ihr seht es ja", erklärte sie ein bisschen lustig verärgert.
"Habt Ihr auch die Saribari-Pflanze gesehen?" fragte ich.
"Nein, die habe ich nicht gefunden. Ich hatte eigentlich etwas anderes gesucht, als ich die Kügelchen auf einer Wiese entdeckte. Einen Tag vorher hatte es einen Sturm gegeben, und der Wind muss sie wohl dahin geweht haben. Warum seid Ihr so daran interessiert?"
"Tata war wegen diesen Kügelchen bei Bruder Ambrusius, Mutter", erklärte Kilia, "und der will jetzt eins zum Leben erwecken."
Ihre Mutter setzte eine skeptische Miene auf.
"Das hat er schon oft versucht. Einmal hat er es tatsächlich geschafft, eine kleine Pflanze zu züchten, aber die ging nach kurzer Zeit ein."
"Wir wollen ihn heute besuchen", kündigte Kilia an.
"Na dann brecht mal langsam auf und bestellt ihm schöne Grüsse von mir. Und Kilia: Sei nett zu deinem Tata. Der ist gut für dich!"

"Verzeiht meiner Mutter", bat mich Kilia, als wir unterwegs waren, "sie ist machmal sehr direkt."
"Das geht schon in Ordnung", antwortete ich, "das finde ich besser, als wenn man alles hinter dem Berg hält."
"Sie meint immer, sie müsste mich für Männer interessant machen", fuhr Kilia fort.
"Wieso?" fragte ich.
"Weil ich grüne Haare habe. Das ist die unbeliebteste Haarfarbe auf ganz Uu Eitaku. Früher wurde mir oft gesagt, wenn ich mich auf eine Wiese legte, würden die Muruh meine Haare fressen, weil sie sie nicht vom Gras unterscheiden könnten."
Die Muruh waren sowas wie Kühe auf Uu Eitaku, allerdings besassen sie 3 statt nur 2 Hörner und einen Rüssel.
"Was für ein Unsinn", bekräftigte ich, "erstens ist dein Haar viel zu schade, um auf einer Wiese zu liegen und zweitens sind die Muruh nicht so dumm, wie sie aussehen. Sie würden sicher vorher riechen, dass dein Haar kein Gras ist."
"Wo sollte mein Haar denn dann liegen?" fragte Kilia neugierig.
Ich schmunzelte.
"Besser so am Kopf wie jetzt. Es sieht nämlich schön aus, wenn es sich im Wind bewegt, und besonders, wenn Sonne darauf fällt."
"Danke, Tata", sagte sie, sichtlich froh darüber.
"Weisst du, ich finde es grundsätzlich falsch, eine Frau nur über ihre Haarfarbe zu beurteilen. Es gibt viel wichtigere Dinge, die etwas über den Charakter aussagen."
"Welche zum Beispiel?"
Ich überlegte kurz.
"Zum Beispiel Ehrlichkeit und Offenheit, Verständnis, Zusammenhalten, Verlässlichkeit.  Natürlichkeit auch, und ganz wichtig ist Vertrauen."
"Wieso Vertrauen?"
"Weil wir ohne Vertrauen nicht gut miteinander auskommen könnten. Für mich ist Vertrauen die Voraussetzung für alles Positive, ob es nun ein Lächeln ist, eine kleine Hilfe, eine Freundschaft oder Liebe - ohne Vertrauen wäre das alles nicht möglich."
"Aber Vertrauen kann auch enttäuscht werden", warf Kilia ein.
"Ja, richtig - und das tut jedes Mal weh. Aber dadurch lernt man Vertrauen auch erst zu schätzen. Und ich finde, es ist ein herrliches Kompliment, wenn mir jemand gesteht, dass er mir vertraut."
Jetzt hätte ich Kilia am liebsten gesagt, dass ich ihr blind vertraute. Aber das hätte sie vielleicht für übertrieben gehalten, also behielt ich es für mich.
"Meine Mutter meint das auch", gestand Kilia. "Sie hat mir mal gesagt, das war sogar einer der Gründe, warum sie Vater geheiratet hat - sie konnte ihm absolut vertrauen."
"Deine Mutter ist eine tolle Frau, Kilia", betonte ich nochmal.
Ich hätte mich gern noch weiter mit ihr über dieses Thema unterhalten, aber wir waren bereits mitten in der Stadt und gingen gerade über den Marktplatz, wo der ganze Lärm um einen herum die Verständigung erschwerte. Als wir schon fast da waren, hatte sich das Wetter verändert. Immer mehr Wolken hatten sich zusammengezogen und liessen keinen Sonnenstrahl mehr durch. Wenn wir Pech hatten, würden wir wohl nass ins Kurhaus kommen, denn wir hatten keinen Regenschirm dabei.
"Kilia, Batu", hörte ich plötzlich jemanden rufen und erkannte, wie jemand winkend auf uns zulief. Kurze Zeit später begrüsste uns Bruder Ambrusius.
"Kommt mit", sagte er aufgeregt, "ich muss Euch etwas zeigen!"
Wir gingen in den Tempel, durch mehrere Gänge, ein paar Treppen hinauf und herunter und standen schliesslich in einem kleinen Hof, der zur Hälfte überdacht war. Unter dem Dach wuchsen mehrere Pflanzen. Der Mönch winkte uns aufgeregt heran und zeigte auf einen Erker, in dem sich ein Blumentopf mit Erde befand, in dem gerade eine Pflanze keimte.
"Das ist sie", sagte er stolz, "die Saribari-Pflanze. Ich habe extra die gute Salamin-Erde aus den Inulari-Bergen genommen. Tagsüber stelle ich die Pflanze hier in den Schatten und abends dort auf das Podest im Hof, damit das Mondlicht auf sie fällt."
Ich strengte mich an, aber vor mir sah ich nur einen Topf mit Erde - ohne Pflanze.
"Ich kann sie nicht sehen", gestand ich.
"Ja, raffiniert, nicht wahr? Ihre Tarnung ist perfekt, sie passt sich optimal der Umgebung an. Wartet mal!"
Er nahm ein Stück Papier und legte es in den Topf.
"Schnell, schaut hin, sonst hat sie sich gleich angepasst!" sagte er.
Tatsächlich sah ich sowas wie einen kleinen Stengel. Er verblasste allerdings schnell - offenbar hatte er sich dem Blatt Papier angepasst. Ich fand das verblüffend, denn die Saribari-Pflanze war die erste, die ich sah, die sich wie Chamäleons und Tintenfische von zu Hause verhielt.
"Faszinierend", gab ich zu.
"Wie lange wird sie noch wachsen?" fragte Kilia.
"Das weiss ich noch nicht genau", gab Bruder Ambrusius zu, "es hängt wohl davon ab, wieviel Mondlicht sie bekommt. Heute wird sie vermutlich nicht wachsen, wenn ich mir den Himmel so ansehe."
Ein paar andere Mönche durchquerten den Hof, einer schaute dabei ständig in ein Buch und las laut daraus vor.
"Frata, Kilia und ich müssen mit Euch noch über eine andere Sache reden. Wo sind wir ungestört?"
"Kommt mit, wir gehen nach oben!" sagte er und führte uns in einen Seitengang, eine Treppe hinauf und schliesslich in ein Zimmer, von dem aus man den Garten im Hof gut sehen konnte. Eine Wand des Zimmers war durch einen riesigen Bücherschrank ausgefüllt, der eine Fülle zum Teil sehr alter Bücher zu enthalten schien.
In der Mitte stand ein runder Tisch und darum ein paar geflochtene Stühle.
"Das ist mein kleines Studierzimmer", erklärte er, "hierhin ziehe ich mich immer zurück, um meine Forschungen aufzuschreiben. Setzt euch!"
Wir setzen uns, er bot uns Getränke an, und nachdem wir alle ein Glas Muraba-Saft (Muraba war eine Art Beere) bekommen hatten, fragte er:
"Also, was wollt Ihr mir erzählen?"
"Ich hatte gestern eine Vision", fing ich an. "Kilias Eltern haben das Bataki-Fest gefeiert, und da ist es geschehen."
"Bataki-Fest? Ein sehr schöner alter Brauch", gab Bruder Ambrusius zu. "Hast du da auch wieder getanzt, Kilia?"
Kilia nickte.
"Zum fünften Mal, Frata."
"Ja, und als Kilia fast fertig war, ist plötzlich eine helle Kugel über ihr aufgetaucht und unter der Decke stehengeblieben. Dann begann sie zu mir mit einer weiblichen Stimme zu sprechen."
"Habt Ihr verstanden, was sie gesagt hat?" fragte der Mönch.
"Nein, aber als Kilia mich berührt hat, konnte sie sie auch sehen und hat ihre Worte übersetzt."
Bisher war Frata Ambrusius ganz ruhig geblieben, so wie ich ihn eigentlich bisher gekannt hatte. Nun schien er plötzlich hellhörig zu werden.
"Kilia, du hast sie auch gesehen?"
"Ja, Frata. Sie war so gross wie ein Ubuk."
Ubuks sind unseren Kürbissen sehr ählich, allerdings sind sie blau und schmecken süsslicher.
"Es ist ungewöhnlich, dass zwei Menschen im gleichen Augenblick dieselbe Vision haben", erklärte er. "Was hat die Kugel nun gesagt?"
Ich schaute Kilia an, und sie wiederholte die Worte:
"Sie hat gesagt, wenn Tata die Saribari-Früchte zum Leuchten bringen will, muss er wie Batakinia durch Licht und Wind gehen, dann wird sie ihn erreichen."
Der Mönch stand urplötzlich auf, lief zu seiner Bibliothek, suchte ein altes Buch heraus, kam zu uns zurück und zeigte uns ein Bild. Seine Hände zitterten ein wenig vor Aufregung.
Das Bild zeigte eine Kugel unter einem Dach und darunter einen Mann, der mit ihr sprach. Er hatte einen Holzstab in der Hand, der dem von Kilia erstaunlich ähnlich war.
"Die Kugel der Prophetin!" sagte Bruder Ambrusius.

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