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Der Besuch im Tempel

Mein Kommunikator weckte mich pünklich um 6:00 Uhr am nächsten Morgen. Die Sonne ging gerade auf und schickte ihre Strahlen über die Berghänge. Schlaftrunken stand ich auf und ging ins Bad. Ich durfte jetzt keine Zeit verlieren, denn um 8:00 Uhr musste ich wieder zurück sein.

Auf ein Frühstück verzichtete ich diesmal und bestellte mir gleich eine Kutsche, die mich zum Raumhafen bringen sollte. Ich sagte dem Kutscher, wenn er nur eine Viertelstunde bräuchte, würde ich ihm das doppelte zahlen. Er legte sich wirklich ins Zeug, und obwohl er es nicht ganz schaffte, zahlte ich ihm den doppelten Preis. Das freute ihn so sehr, dass er mir anbot, auf mich zu warten und mich wieder zurückzufahren, was ich gern annahm.

Der Raumhafen war der einzige Ort auf Uu Eitaku, in dem die Geschäfte rund um die Uhr geöffnet hatten und so gut wie alles anboten, was unsere moderne technische Zivilisation auf dem Markt hatte. Allerdings kauften hier in der Regel nur die Kurgäste und Touristen ein, denn für einen Einheimischen waren die Preise viel zu hoch. Ich ging also in ein Geschäft, kaufte mir, was ich wollte und liess es mir einpacken. Dann eilte ich schnell zur Kutsche zurück und liess mich wieder zum Kurhaus bringen. Auch diesmal zahlte ich dem Kutscher den doppelten Preis, der für mich immer noch günstig war. Wenn Kilia kommen würde, hatte ich vor, mich nochmal für ihre Unterstützung zu bedanken und ihr das Päckchen zu überreichen, wobei ich hoffte, dass es ihr gefallen würde.

Ich stand also kurz vor 08:00 Uhr vor der Tür und wartete darauf, dass Kilia anklopfen würde. Das Päckchen hielt ich in der Hand. Dann klopfte es auch, pünktlich wie immer. Ich öffnete die Tür, um sie zu begrüssen, und stutzte - dort stand nämlich nicht Kilia, sondern eine andere Dienerin, etwas grösser, mit blonden langen Haaren und dem Frühstückstablett in den Händen.
"Guten Morgen, Tata. Ich bin Bilia, Eure neue Dienerin."
Frauennamen bei den Eitaku endeten meistens auf "ia", seltener auf "i", Männernamen dagegen auf "us" oder "uk". Typische Männernamen waren zum Beispiel "Habaruk" oder "Rubus".
Während ich sie nur verwirrt anstarrte, fuhr sie fort:
"Kilia kann heute nicht kommen, sie ist krank."
"Sie ist was?" fragte ich überrascht, und vor Schreck fiel mir das Päckchen herunter.
"Sie ist krank, Tata", wiederholte Bilia, "sie hat eine schwere Erkältung und muss zu Hause bleiben."
Ich hob das Päckchen wieder auf und überlegte.
"Kann ich sie besuchen?" frage ich.
Bilia schien verwirrt zu sein.
"Besuchen? Warum?" fragte sie verwundert.
"Ich möchte ihr gute Besserung wünschen. Weisst du, wo sie wohnt?"
"Ja, Tata."
"Kannst du mich hinbringen?"
"Ja, Tata. Jetzt gleich?"
"Sofort."
Wenig später waren wir schon auf dem Weg zu dem Haus, in dem Kilias Eltern wohnten. Dienerinnen wohnten normalerweise nicht mehr bei ihren Eltern, sondern in einem eigenen Wohnheim in der Nähe der Kurgebäude. Sie besuchten ihre Eltern jedoch noch ab und zu in ihrer Freizeit, die sie immer dann bekamen, wenn ein Gast wieder abreiste und sie auf den nächsten Einsatz warteten. Sie hatten dann für gewöhnlich eine Woche frei.
"Da ist es, Tata", sagte Bilia und zeige auf ein alleinstehendes, langes Haus, das in kurzer Entfernung vor uns auf einem Hügel stand. Wie auf Uu Eitaku üblich, handelte es sich um ein Mehrfamilienhaus, denn ein Hausbau dauerte lange und war teuer, weswegen man es vorzug, sich die Kosten mit mehreren zu teilen. Als wir davor standen, erkannte ich drei Eingangstüren, demnach mussten also 3 Familien darin wohnen.
"Warte hier, ich komme gleich wieder", sagte ich zu Bilia. Sie nickte.
Ich klopfte dreimal an die Tür. Nach einer Weile öffnete mir ein Mädchen, etwa im Alter von 12 bis 14 Jahren. Wahrscheinlich war es eins von Kilias jüngeren Geschwistern.
"Mataku", sagte ich und nannte meinen Namen, "kann ich Kilia besuchen?"
Das Mädchen drehte sich um und rief etwas ins Haus hinein. Es dauerte eine Weile, dann kam ein älterer Mann heraus, der vielleicht Kilias Vater oder Grossvater war. Er sprach etwas zu mir in Eitakunisch, was ich nicht verstand. Durch meine früheren Aufenthalte konnte ich Eitakunisch zwar einigermassen verstehen, aber das hier musste ein besonderer Dialekt sein, der nur entfernt Ähnlichkeit mit der Umgangssprache hatte.
Zum Glück übersetzte mir das kleine Mädchen seine Worte:
"Kilia kann nicht kommen, sie ist krank", sagte sie. "Was wollt Ihr hier?"
"Sie ist meine Dienerin. Ich bin gekommen, ihr gute Besserung zu wünschen und würde ihr gerne das hier übergeben."
Ich zeigte dem älteren Mann das Päckchen. Er schien sehr erstaunt zu sein und bat mich, kurz zu warten. Nach einer Weile kam er wieder und winkte mir zu, dass ich ihm folgen sollte,
Die Gänge im Haus waren eng und die Türen niedrig, ein paarmal musste ich deshalb aufpassen, nicht anzustossen. Dann standen wir vor einer Tür. Der alte Mann klopfte an, und jemand antwortete von innen. Er öffnete die Tür und machte ein Handzeichen, dass ich eintreten sollte. Und endlich, in diesem Raum, der relativ klein war, sah ich Kilia, die in ihrem Bett lag und sich gerade aufgerichtet hatte.
"Hallo Tata", sagte sie und hustete.
"Hallo Kilia", entgegnete ich, "dich hat es wohl schwer erwischt."
Sie nickte.
"Mein Kopf tut weh und meine Nase ist oft verstopft", gab sie zu. "Es tut mir leid, dass ich Euch heute nicht dienen kann."
Ich winkte ab.
"Ist kein Problem. Hast du Fieber?"
"Ein bisschen, glaube ich."
Ich wollte mich setzen und schaute mich nach einem Stuhl um, aber in diesem Raum befand sich offensichtlich keiner.
"Darf ich mich auf die Bettkante setzen?"
Kilia machte grosse Augen. Es war nicht üblich, dass ein Gast eine Dienerin fragte, ob er etwas durfte oder nicht - meistens war es genau umgekehrt.
"Natürlich, Tata."
Ich setzte mich.
"Es tut mir leid, wenn ich dir gestern zuviel zugemutet habe," sagte ich.
Kilia schüttelte den Kopf, aber bevor sie etwas sagen konnte, fuhr ich fort:
"Deshalb habe ich dir etwas mitgebracht", und übergab ihr das Päckchen. Kilia schaute mich verwundert an. Normalerweise machten Gäste ihren Dienerinnen keine Geschenke.
"Ist das wirklich für mich, Tata?" fragte sie vorsichtig.
"Ja, nur für dich. Nun mach es schon auf", gab ich zurück.
Kilia öffnete ihr Geschenk. Sie lächelte.
"Das sind Zeichenpapier und Stifte", sagte sie, "aber... Ihr müsst viel dafür bezahlt haben, Tata."
"Nicht der Rede wert", wiegelte ich ab, "wenn es dir gefällt, war es jedenfalls nicht zu viel".
"Und wie, Tata!"
Sie betrachtete sie Stifte, dann sagte sie:
"Die sind schön. Das wäre nicht nötig gewesen, Tata."
"Doch, das ist es, denn du hast mir gestern sehr geholfen, Kilia", erklärte ich, "das war keineswegs selbstverständlich. Und weil du mir erzählt hast, dass du gerne malst und zeichnest, dachte ich mir, ich gebe dir etwas, mit dem du üben kannst. Jetzt hast du jedenfalls genug Zeit dafür, und vielleicht hilft es dir auch, die Zeit bis zu deiner Genesung besser zu überstehen."
Sie strahlte.
"Danke, Tata. Ihr seid der erste Gast, der mich jemals besucht und mich beschenkt hat. Ihr seid wirklich sehr nett."
Sie nieste, dann schniefte sie.
"Verzeiht mir, Tata", sagte sie. Offensichtlich war ihr der Zustand, in dem sie sich befand, peinlich.
"Halb so wild. Ich hätte es beinahe vergessen, ich habe dir noch ein paar Packungen Taschentücher mitgebracht."
"Taschentücher?"
Diese Tücher gab es normalerweise nicht auf Uu Eitaku, man behalf sich stattdessen mit Stofftüchern. Ich hatte sie mir die Taschentücher selbst mitgebracht, denn die Stofftücher fand ich zu schade, um dort reinzuniesen.
"Ja, sind sehr praktisch. Hier, versuch's gleich mal."
Ich gab ihr ein Taschentuch, und sie probierte es aus.
"Danke, Tata", sagte sie und hustete, "das tut gut".
Ich fragte sie noch, ob sie Medikamente brauchte, aber sie antwortete, ihre Mutter hätte ihr schon etwas gegeben. Ausserdem erfuhr ich von ihr, dass der ältere Mann tatsächlich ihr Vater war. Ihre Mutter war gerade nicht im Haus, denn sie wollte Kräuter sammeln, um für sie einen Tee daraus zu machen. Wir besprachen noch ein paar weitere Dinge, dann erschien die Schwester von Kilia und brachte ihr ein heisses Getränk. Ich ahnte, dass es nun genug der Aufregung war und es besser war, sie sich erholen zu lassen.
"Ich denke, du brauchst jetzt Ruhe, ich gehe dann erstmal wieder. Kann ich morgen wiederkommen?"
"Ja, Tata. Ich freue mich."
"Also dann, gute Besserung!" sagte ich und verliess das Haus wieder. Auf dem Weg nach draussen begegnete ich nochmal ihrem Vater. "Ihr habt ein schönes Haus!" sagte ich auf Eitakunisch und winkte. Dann stand ich auf dem Hof.
Bilia wartete immer noch auf mich und war sichtlich froh, als sie mich sah.
"Entschuldige, es hat etwas länger gedauert als geplant", sagte ich.
"Kein Problem, Tata", antwortete sie.
"Lass uns zurück gehen. Kannst du mir dann gleich ein Bad machen? Ich muss vorher noch einen kleinen Umweg gehen."
"Ja, Tata."
Sie würde jetzt erstmal für mindestens zwei Stunden beschäftigt sein, denn bis der Ofen angeheizt war und das Wasser darin die richtige Temperatur erreicht hatte, dauerte es seine Zeit. Für mich war das die Gelegenheit, erstmal eine Weile allein sein zu können.

Diese Geschichte über den Besuch sprach sich bald überall herum, und die Bewohner rätselten über meine Motive. Es war bisher noch nie vorgekommen, dass ein Gast seine kranke Dienerin, die noch nicht mal Erste Dienerin war, besucht hatte, und erst recht nicht, dass er sogar noch ein Geschenk mitbrachte. Dadurch sprang ich nun völlig aus der Reihe, und das gab Anlass zu zahlreichen Spekulationen.

Mich beschäftigte dagegen ein ganz anderes Problem: Ich wusste selbst nicht, warum ich das getan hatte. War es Höflichkeit oder Mitleid oder steckte noch etwas anderes dahinter? Ich beschloss, mir Rat einzuholen. Also frage ich den Kurleiter, ob er jemanden wusste, den man um Rat fragen konnte.
"Geht zum Tempel und fragt dort nach Bruder Ambrusius. Er ist der weiseste Mönch, den ich kenne und wird Euch sicher weiterhelfen können."
Ich bedankte mich, machte mich auf den Weg und fragte im Tempel angekommen nach dem Mönch. Ein Glaubensbruder bat mich zu warten, und weil es länger zu dauern schien, begann ich, mich im Tempel umzusehen. Ich stand in einer prächtigen Halle, die mit mehreren sehr hohen, spitz zu laufenden Fenstern umgeben war. Im blanken, mit Fliesen ausgelegten Fussboden wurden allerlei mystische Szenen dargestellt. In der Mitte befand sich ein von Treppen umrandeter Springbrunnen, aus dem blaues Wasser lief, was aber offenbar kein gewöhnliches Wasser war, denn es dampfte und verströmte einen sehr angenehmen, würzigen Duft. Das Dach enthielt hölzerne, schwere Deckenbalken. In einer Ecke befand sich ein reichlich mit Blumen geschmückter Altar, in der anderen eine Statue, die wie ein Engel aussah und vor der lauter Kerzen brannten.
Gerade, als ich mir diese Statue ansah, hörte ich hinter mir eine Stimme:
"Hier bin ich, Batu."
Batu bedeutete sowohl "Bruder" als auch "Kleiner" und war gewöhnlich die Anrede von Ältereren, besonders Grosseltern, Jüngeren gegenüber. Ich drehte mich um und sah einen kleinen Mann mit schütternem, grauen Haar und Stoppelbart, der ein braunes Mönchsgewand trug und mich mit freundlichen, etwas verschmitzten Augen ansah.
"Guten Tag, Frata", sagte ich, "seid Ihr Bruder Ambrusius?"
Frata war wiederum die allgemeine Anrede für Mönche und andere Geistliche.
"Das bin ich", bestätigte er, "was führt Euch zu mir?"
"Ich brauche einen Rat", antwortete ich, "meine Dienerin ist krank und ich weiss nicht, ob ich das richtige getan habe."
"Kommt mit hinter den Altar. Da sind wir ungestört."
Wir gingen zum Altar, hinter dem sich ein kleiner Raum mit einem Tisch und zwei Stühlen befand. Bruder Ambrusius schloss die Tür, wies mir einen Stuhl zu und setzte sich auf einen anderen.
"Also, was bedrückt Euch?" fragte er.
Ich erzählte, was ich getan hatte und welche Zweifel ich darüber hatte.
Zunächst liess er mich in aller Ruhe erzählen, und als ich geendet hatte und eine kleine Pause machte, fragte er:
"Warum seid Ihr auf diesen Planeten gekommen?"
"Um mich zu erholen."
"Erholen von was?"
"Privaten Stress."
"Was löste diesen Stress aus?"
Ich überlegte kurz, wie ich das formulieren konnte, denn vermutlich hatte er keine Ahnung davon, was ich erlebt hatte. Allerdings hatte ich keine Angst davor, es ihm preiszugeben, denn auch auf Uu Eitaku hatten die Mönche ein Schweigegelübte zu befolgen.
"Eine Beziehung, von der ich dachte, sie würde lange dauern, ging ganz plötzlich zu Ende. Und dann kam noch Ärger in meinem Berufsleben dazu."
Bruder Ambrusius schien das zu amüsieren.
"Und obwohl Ihr so viel Stress hattet, besucht Ihr Eure Dienerin und stresst Euch weiter mit Zweifeln?"
Ich schaute ihn verwirrt an.
"Wisst Ihr, wenn Ihr wirklich Ruhe und Erholung suchen würdet, dann hättet Ihr eine Reise zur Lurgana-Bucht gebucht und könntet dort jeden Tag am Strand liegen. Stattdessen bucht Ihr eine mehrwöchige Kur, wobei Euch bewusst sein dürfte, dass Ihr da wieder in den Kontakt mit Dienerinnen kommt. Warum?"
Ich zuckte mit den Schultern.
"Vielleicht, weil ich so das ganze Pech vorher schneller vergessen kann."
Mein Gegenüber schüttelte den Kopf.
"Nein, Batu. Würdet Ihr sagen, dass Ihr nach Liebe gesucht habt?"
Ich schüttelte den Kopf.
"Nachdem ich mit der letzten so ein Desaster erlebt habe, möchte ich so schnell nichts mehr mit Liebe zu tun haben."
"Also, Ihr wolltet keine Erholung und auch keine Liebe. Was wollt Ihr dann?"
Ich überlegte, aber mir fiel nichts ein.
"Ich weiss es nicht, Frata, ich bin ratlos."
"Überlegt mal, was gibt es noch ausser Liebe zwischen Menschen?"
Ich überlegte, und nach einer Weile antwortete ich:
"Vielleicht Freundschaft."
"Genau, Batu: Ihr seid auf der Suche nach Freundschaft. Aber nicht nach irgendeiner Freundschaft, Ihr sucht eine gute Seele."
"Eine gute Seele?" fragte ich verwundert.
"Richtig, Batu. Und tief in Euch habt Ihr den Wunsch, auch so eine Seele für jemand anderen zu sein. Deshalb habt Ihr Kilia im Haus ihrer Eltern besucht."
Was er sagte, klang logisch.
"Ist das denn falsch?" fragte ich unsicher.
Der Mönch lachte freundlich.
"Nein, Batu, ganz im Gegenteil, das war völlig richtig. Ihr habt Eurer Dienerin neue Kraft und Mut schenken wollen, und das ist Euch gelungen."
"Aber... woher kommen dann diese Zweifel?" fragte ich ihn hilflos.
"Die kommen daher, weil Ihr nicht wisst, ob Kilia auch eine gute Seele ist. Und das macht Euch unsicher."
"Was würdet Ihr denn sagen?"
Er lächelte wieder verschmitzt.
"Es ist zu früh, um das zu beurteilen, es muss sich noch erweisen. Aber eins meine ich bereits herauslesen zu können: Sie vermag es, Eure Seele zu bezaubern. Das ist schonmal ein wichtiger Schritt - aber beleibe nicht der letzte."
"Was wäre denn der letzte Schritt? Liebe?"
Er lachte kurz.
"Es könnte der letzte Schritt sein - muss es aber nicht. Es könnte auch eine gute Freundschaft sein. Wie gesagt, Ihr seid auf der Suche nach einer guten Seele - nicht nach Liebe."
Ich dachte eine Weile nach.
"Ihr habt recht, Frata. Nur: Woran erkenne ich eine gute Seele?"
Die Miene von Bruder Ambrusius nahm geheimnisvolle Züge an.
"Das, Batu, werdet Ihr wissen, wenn sie sich Euch offenbahrt. Und darauf solltet Ihr Euch freuen, denn es ist einer der schönsten Augenblicke, die man erleben kann."
"Aber was ist, wenn ich nichts finde und am Ende wieder genauso dastehe, wie ich hier angekommen bin?" fragte ich resigniert.
Der Mönch lächelte wieder amüsiert.
"Da könnt Ihr beruhigt sein. Bisher habt Ihr immer etwas mitgenommen, wenn Ihr hier gewesen seid, und seid dadurch dem Ziel wieder ein Stückchen näher gekommen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Ihr dort angekommen seid. Wisst Ihr, im Grunde suchen wir alle nach einer guten Seele, und manche finden sie früher, andere später."
"Das ist aber noch nicht alles, Frata. Seitdem ich hier angekommen bin, geschehen seltsame Dinge: Auf Fliesen erscheinen plötzlich Wellenmuster, kaltes Wasser ist auf einmal heiss, eine Brücke versinkt im Wasser, und ich habe tagsüber Visionen und nachts seltsame Träume. Bin ich dabei, meinen Verstand zu verlieren?"
Bruder Ambrusius schien das nicht sonderlich zu wundern. Er antwortete nüchtern:
"Uu Eitaku ist ein mystischer Ort. Solche Vorkommnisse, wir Ihr sie schildert, sprechen eher dafür, dass Ihr eine grosses spirituelles Talent habt und auf dem richtigen Weg seid."
Diese Antwort hatte mich so überrascht, dass mir keine weiteren Fragen einfielen.
"Frata, ich danke Euch. Ihr habt mir sehr geholfen."
"Nicht dafür", wehrte der Mönch freundlich ab, "ich habe Euch nur geholfen, die Antworten zu finden, die Ihr schon wusstet, ohne es zu ahnen. Wenn ich Euch noch einen Rat geben darf: Betrachtet Kilia nicht als Kandidatin für eine gute Seele, sondern als die Muse auf der Suche nach ihr. Und wenn Ihr sie gefunden habt, bewahrt sie Euch gut auf, denn es gibt keinen grösseren Schatz im Universum."
"Ich verspreche es, Frata."

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