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Das Meer in ihren Augen

Ich schluckte und sah Kilia in die Augen. Darin sah ich ein Meer, auf dem ein Schiff fuhr, und darauf stand ein Mann, der mir zuwinkte. Das Schiff fuhr auf einen Horizont voller Wolken zu. Keine Frage, ihm würden stürmische Zeiten bevorstehen. Und dieser Mann konnte kein anderer als ich sein.
"Du wirst immer meine gute Seele sein", sagte ich und umarmte sie nochmal so innig wie möglich. Dann geschah etwas Seltsames. Ich spürte für kurze Zeit ein Kitzeln. Aber es war ein trauriges Kitzeln. Das klingt vielleicht unglaublich, aber man kann es nicht besser beschreiben. Und ich ahnte, woher es stammte: Unsere Seelen hatten sich berührt. Ich hatte gespürt, was Kilia fühlte, das war zwar schön, tat aber auch gleichzeitig weh.
Ich wollte es nicht noch länger machen, als nötig, drehte ich mich um und stapfte in Richtung Raumschiff davon. Ich hasste Abschiede, die weh tun, und gerade dieser tat echt höllisch weh.
Als ich meinen Platz suchte, seufzte ich laut. Ich fühlte diesen tiefen Stich in meinem Herz, die völlige Verwirrung in meinem Kopf und eine Art Zerissenheit am ganzen Körper. Dort unten liess ich meine beste Freundin zurück. Sie war nicht meine Geliebte, aber die einzige Freundin, auf die ich mich blind verlassen und darauf vertrauen konnte, dass sie immer für mich da sein würde, egal was die Stunde auch geschlagen hatte. Meine Hände zitterten, meine Kehle war staubtrocken, dafür schwamm es regelrecht vor meinen Augen. Mir wurde bewusst, dass dies zwar kein Liebeskummer war, dafür aber sowas wie Freundschafts­kummer, nur leichter zu ertragen war der nun wahrlich auch nicht. Und ich fragte mich, ob das Leben, das mich jetzt erwarten würde, es wirklich wert war, zu gehen.

Das Raumschiff zündete lautstark seine Triebwerke, hob langsam Richtung Atmosphäre ab, wurde immer schneller und kleiner, bis es nur noch ein winziger Punkt am Nachthimmel war, und schliesslich war es verschwunden. Kilia hatte ihm die ganze Zeit nachgesehen. Sie schluchzte, und obwohl sie dagegen ankämpfte, bahnten sich ihre Tränen den Weg abwärts ihrer Wangen. Gefühle kann man manchmal beherrschen, aber wenn auch der Verstand daran erinnert, dass man nichts mehr ändern kann, ist jeder
Widerstand vergebens. Sie wollen an die Oberfläche wie Luftblasen unter Wasser, einem Naturgesetz folgend, und nichts kann sie dann mehr aufhalten.
"Kommt er wieder zurück?" fragte ihre jüngere Schwester.
Kilia versuchte, ihre Stimme zurückzugewinnen und zuversichtlich zu klingen.
"Er ist meine gute Seele", antwortete sie.
Gerade, als sie sich umgedreht hatte und zum Ausgang gehen wollte, piepte es zweimal in ihrer Tasche. Ihre Schwester wunderte sich, sah dann aber, wie Kilia meinen Kommunikator herausholte, den ich ihr kurz vor dem Abflug gegeben hatte, damit wir in Kontakt bleiben konnten. Dort stand eine Nachricht, die lautete: "Komm bitte zum Ausgang. Dein Tata."
Kilia war kurze Zeit verwirrt. Zu welchem Ausgang sollte sie kommen? Dann verstand sie: Es konnte nur der vom Raumhafen gemeint sein.
"Es ist eine Nachricht von Tata", teilte sie ihrer Schwester aufgeregt mit, "wir sollen zum Ausgang kommen. Komm, lass uns laufen!"
Kilia lief kurzentschlossen mit ihrer Schwester zum Ausgang und sah dort jemanden neben einer Com-Station (einer Art Fernsprecheinrichtung), der ihr zuwinkte. Und dieser Jemand kam ihr sehr bekannt vor.
"Tata, Tata" rief sie, "du bist noch da!"
In diesem Augenblick schien sie alles um sich herum vergessen zu haben, sogar sich selbst, denn sie hatte endlich Du zu mir gesagt, statt wie gewohnt die indirekte Rede zu benutzen. Stürmisch wie nie umarmte sie mich und hielt sich an mir fest, offenbar um ganz sicherzugehen, dass ich auch wirklich da war. Noch immer flossen ihre Tränen, diesmal aber aus Freude.
Ich umarmte sie ebenfalls und hielt sie fest. Sie sollte spüren, dass ich wirklich da war. Und plötzlich bemerkte ich wieder dieses kurze Kitzeln, diesmal aber war es ein fröhliches.
Nach einer Weile schaute sie mich an und sagte:
"Aber warum bist du... verzeiht mir, Tata. Ich habe Euch falsch angeredet."
"Lass uns beim Du bleiben", schlug ich vor, "wir sind doch Freunde, oder?"
Sie nickte.
"Aber warum... bist du noch da, Tata? Ich habe doch gesehen, wie du ins Schiff gegangen bist."
"Es stimmt, ich war da drin, aber ich habe es nicht lange ausgehalten und bin gleich wieder ausgestiegen. Ich habe das Meer in deinen Augen gesehen und deine Traurigkeit gespürt."
Ich stockte. Meine Stimme drohte in den Emotionen unterzugehen. Nach einer kurzen Pause hatte ich mich wieder gefasst.
"Es tat so weh", erklärte ich weiter, "Ich wusste plötzlich, dass ich umkehren musste, weil ich sonst einen völlig falschen Weg eingeschlagen hätte. Deshalb habe ich beschlossen, meinen Aufenthalt hier zu verlängern."
"Aber ist euer... dein Chef nicht böse auf dich?" fragte Kilia.
Ich merkte, dass ihr die direke Rede noch schwerfiel. Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis sie sich nicht mehr darauf konzentrieren musste, mich mit Du anzureden.
"Meinen alten Job habe ich gerade eben gekündigt", erklärte ich, "jetzt muss ich mir halt hier einen neuen suchen. Vielleicht brauchen sie ja jemanden in diesem Raumhafen, im Handelszentrum oder woanders. Irgendwas wird schon gehen."
Kilia umarmte mich nochmal.
"Danke, Tata. Ich bin so froh, dass du noch da bist."
Ich umarmte sie ebenfalls.
"Und ich erst, Kilia. Und ich erst."

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