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Andrias Geheimnis

Als Tobias am nächsten Morgen aufwachte, fiel bereits der Sonnenschein durch sein Fenster, es schien ein schöner Tag zu werden. Er hatte außerordentlich gut geschlafen, wie er zu seiner Überraschung feststellte. Trotzdem fühlte er sich beim Aufstehen immer noch ein klein wenig müde, was auch kein Wunder war, denn schließlich war er ein Nachtmensch und daher auch ein ziemlicher Morgenmuffel. Er schaute auf die Uhr, es war kurz nach 9:00, also gerade die rechte Zeit, um aus den Federn zu kommen. Seltsam, was er wieder geträumt hatte, von einer hübschen jungen Frau, die bei ihm geklingelt hatte, von einem lustigen Abendessen und einem Spaziergang bei Sonnenuntergang... Tobias grinste. Sowas kann einem auch nur im Traum passieren, dachte er. Oder war es vielleicht doch kein Traum?

Da erinnerte er sich, daß er der jungen Frau angeboten hatte, auf seinem Sofa zu schlafen. Also ging er in sein Zimmer, wo das Sofa stand, und warf einen Blick darauf: Es war leer. Hab ich's doch gewußt, es war einfach zu schön, um wahr zu sein, dachte er bei sich. Während er so betrübt dastand, im halbmüden Zustand und immer noch im Schlafanzug, die Blicke auf das Sofa gerichtet und tief in Gedanken versunken, spürte er plötzlich, wie ihm jemand von hinten an die Schulter tippte.

Tobias zuckte vor Schreck zusammen. Sollte er sich doch geirrt haben? Dann drehte er sich um. Vor ihm stand Andria und lächelte ihn an. Sie war schon vollständig angezogen und hatte eine neue Hose und ein neues T-Shirt an, das ihr sehr gut stand.
»Guten Morgen, Tobias«, sagte sie, »entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. Wie hast du geschlafen?«
»Gut, danke«, antwortete Tobias. Er war morgens noch nie sehr gesprächig gewesen, und diesmal war er außerdem noch zu sehr überrascht, um mehr hervorbringen zu können.
»Ich bin schon eine Weile auf und habe das Sofa leergeräumt. Das Bettzeug habe ich schon zusammengelegt und wieder in den Bettkasten getan.«
Deshalb war das Sofa leer, dachte Tobias.
»Außerdem habe dir ein kleines Frühstück gemacht. Du kannst wählen zwischen Joghurt, Obstsalat und Toast mit Honig. Milch habe ich in deiner Küche nicht gefunden, aber ich hoffe, du magst auch den Orangensaft.«
Erst jetzt sah Tobias, daß sie ein Tablett in der Hand hatte, das sie jetzt ein wenig höher hielt, damit er es besser sehen konnte.
»Ja, das ist in Ordnung, danke«, bestätigte Tobias. Normalerweise hätte er jetzt noch »Das ist lieb von dir« gesagt, aber er war immer noch nicht ganz wach.
»Ich stelle das Tablett schonmal hierhin. Du kannst dich ja erst anziehen und dann frühstücken«, schlug Andria vor.
Tobias nickte nur und kratze sich etwas verlegen am Hinterkopf. Das war wirklich tausendmal mehr, als er je erwartet hatte. Andria stellte das Tablett ab.
»Moment, ich bin gleich wieder da«, sagte sie, ging wieder in die Küche und verschwand darin.
Tobias wollte sich beeilen und huschte in sein Zimmer, um sich anzuziehen. Diese tolle Frau ist Gold wert, hörte er plötzlich seine innere Stimme sagen, wenn du schlau bist, solltest du dafür sorgen, daß sie länger bleibt.
Auf diese tolle Frau wartet sicher schon ein ebenso toller Mann, entgegnete Tobias, da habe ich doch sowieso keine Chance.
Vergiß wenigstens nicht, sie nach ihrer Telefonnummer zu fragen, drängte seine innere Stimme, und Tobias nahm es sich vor.
Er war fertig und huschte ebenso schnell zum Tablett zurück, wie er gegangen war. Andria hatte sich wirklich viel Mühe gemacht, das Frühstück sah sehr einladend aus. Tobias beschloß, von allem etwas zu nehmen, um ihr so zu zeigen, daß es ihm schmeckte.
Andria war immer noch nicht wieder da, und Tobias fragte sich, wo sie blieb. Seine Neugier wuchs. Schließlich nahm er sein Tablett mit und ging zur Küche. Da die Tür angelehnt war und er keine Hand frei hatte, schob er sie mit dem Tablett voran auf und wollte frohen Mutes eintreten.
Stattdessen bekam er einen so großen Schock, daß ihm das Tablett aus der Hand fiel und das Orangensaftglas genauso wie die Obstsalatschale mit einem Ruck herunterfielen und klirrend auf dem Boden in tausend einzelne Scherben zersprangen. Er sah Andria vor sich, aber ganz anders als sonst - mit rotglühenden Augen und den Fingern in der Steckdose! Dazu höre er ein Geräusch, das er noch nie vorher gehört hatte und das irgendwie mechanisch klang, aber völlig außerirdisch, als würde es direkt aus dem Weltall und nicht von der Erde stammen. Als Andria ihn bemerkte, zog sie schnell die Finger aus der Steckdose, und das Glühen in ihren Augen erlosch langsam. Sie drehte sich zu ihm um und sagte:
»Oh, Tobias, entschuldige, ich ...«
Tobias fühlte sich vom Grauen gepackt, für ihn war die Situation der blanke Horror, und er fühlte, daß sein Herz wie wild schlug und ihm das Blut in den Adern zu gefrieren drohte. Angstvoll wich er automatisch einen Schritt zurück.
»Bitte geh nicht weg«, bat Andria beinahe verzweifelt, »ich will dir wirklich nichts tun. Du brauchst keine Angst zu haben!«
»Was... wer bist du?« stammelte Tobias, beinahe atemlos.
»Ich muss dir jetzt einiges erklären«, sagte Andria, »und ich hoffe, du wirst mir glauben. Ich komme nicht von der Erde, sondern vom Planeten Andrion. Wir haben ganz andere Umweltbedingungen als ihr hier, deshalb hat sich das Leben bei uns auch anders entwickelt. Bei euch entstand es biologisch und bei uns elektro-chemisch. Ich bin das, was ihr einen Androiden nennen würdet.«
»Dann seid ihr ja Roboter!« behauptete Tobias, und tatsächlich war das sein erster Gedanke, der ihm nach dieser Erklärung kam.
»Nein, ich bin genauso ein denkendes und fühlendes Wesen wie du, Tobias. Ich brauche Licht, genau wie du, ich muß essen, genau wie du, irgendwann muß ich auch sterben wie du und ich muß genauso lernen wie du.«
»Wieso mußt Du denn lernen?« frage Tobias und dachte daran, daß Andria vielleicht von anderen Robotern eine Programmierung erhielt, nachdem sie sich genauso verhalten mußte, wie sie es jetzt tat, ob sie wollte oder nicht.
»Weil bei meiner Entstehung nur Programme für die Grundfunktionen vorhanden sind. Das ist ähnlich wie bei euch die Instinkte oder Triebe, die ihr habt. Sowas habe ich auch, aber alles andere entwickelt sich auch bei uns ganz individuell.«
»Aber... wieso das mit der Steckdose?«
Andria blicke zu Boden. Es schien ihr etwas peinlich zu sein.
»Weißt du, bei uns sind Berührungen sehr wichtig. Wir nutzen sie, um uns gegenseitig mit Energie zu versorgen. Wenn ich einen besonders anstrengenden Tag hinter mir habe und es nur ganz wenige Berührungen gibt, muß ich mir die Energie auf einem anderen Weg besorgen. Und da habe ich deine Steckdose genommen. Das war vielleicht nicht richtig, entschuldige...«
Die Angst war inzwischen von Tobias gewichen, aber nun kam seine Wut auf.
»Ich bin auf eine Maschine hereingefallen«, murmelte er, »alle anderen treffen einen lieben Menschen, und ich treffe eine Maschine. Warum, Andria? Wozu brauchst du eigentlich so einen wie mich? Es gibt doch bestimmt tausend Dinge, die du besser kannst«.
Andria reagierte überhaupt nicht auf die spitze Bemerkung. Stattdessen wirkte sie bedrückt.
»Ich kann sicher schneller rechnen als du, ich kann auch schwerere Gegenstände tragen und brauche keinen Sauerstoff zum Leben. Aber dafür habe ich keine Phantasie, so wie du, ich kann mir auch keine Witze ausdenken, so wie du, ich kann auch keine Wärme abgeben, weil meine Körpertemperatur immer konstant bleibt, und ich habe auch keine Erfahrung in der Liebe, weil es sowas bei uns nicht gibt«.
Liebe, dachte Tobias, ausgerechnet eine Maschine erzählt mir etwas von Liebe.
»Ich bin dir ganz bestimmt nicht überlegen«, ergänzte Andria, »und ich bin auch keine seelenlose Maschine, da brauchst du keine Angst zu haben. Alles, was ich besser kann als du, das möchte ich auch nur für dich einsetzen, damit du es leichter hast.«
Klasse, dachte Tobias, damit ich mir wohl noch minderwertiger vorkomme, wenn sie mir zeigt, worin sie alles besser ist.
»Aha, ist ja reizend. Trotzdem gibt es da noch ein Problem: Bist Du eigentlich männlich oder weiblich oder ist das nur so eine Art Verkleidung?«
»In meiner Welt gibt es auch männlich und weiblich, nur anders, als bei euch auf der Erde. Bei uns sind die Männer die Raumschiffe. Sie bringen uns überall hin und bieten uns eine sichere Unterkunft. Dafür versorgen wir sie mit Energie und reparieren sie, wenn es nötig ist.«
Eine tolle Welt, dachte Tobias, und wahrscheinlich erwartet sie dasselbe auch noch von mir. Und wenn ich das nicht kann, verläßt sie mich wieder und fliegt mit ihrem Raumschiff davon.
»Warum hast du mir eigentlich nicht gleich gesagt, wer du bist?«
»Ich wollte es dir sagen, aber ich wollte dich damit nicht überfallen. Du hättest mir bestimmt nicht geglaubt, wenn ich schon an der Tür gesagt hätte: Hallo, ich bin Andria, ein Androide und will deine Liebe haben. Ich habe gehofft, daß du mich so magst, wie ich bin.«
»Ich mag es aber nicht, wenn man mich verschaukelt«, gab Tobias grimmig zurück.
»Tobias, ich wollte dich wirklich nicht erschrecken! Es tut mir leid, ehrlich! Was kann ich tun, damit du mir nicht mehr böse bist?«
Ihre Stimme klang wie ein Flehen, und Tobias fühlte sich versucht, ihr zu verzeihen. Aber dann kamen die Erinnerungen an seine schlechten Erfahrungen auf. Er hatte es zu oft erlebt, daß ihm Frauen wichtige Tatsachen einfach verschwiegen hatten oder ihm Dinge vortäuschten, die es nicht gab, beispielsweise hatten sie ihm schon gesagt, sie liebten ihn, obwohl sie es einen Tag später schon nicht mehr so gemeint haben wollten, oder sie waren in Wirklichkeit noch nicht über ihren Ex-Liebhaber hinweg oder ähnliche Sachen. Der Schmerz darüber war tief, und nichts wollte er weniger, als sowas nochmal erleben. Deshalb antwortete er kurzentschlossen:
»Nichts. Es ist besser, du gehst jetzt.«
»Bitte schick' mich nicht weg«, sagte Andria mit leiser, nach Hoffnung suchender Stimme, und Tobias meinte, einen Schimmer in ihren Augen zu sehen, so als ob sie weinen würde, »ich würde dir so gern beweisen, daß ich es ehrlich mit dir gemeint habe und du auf mich bauen kannst. Ich werde dir auch gern alles über mich erzählen, was du wissen willst. Bitte!«
Der Anblick von Andria war steinerweichend. Aber Tobias hatte seinen Entschluß gefaßt und wollte konsequent bleiben.
»Nein. Wer weiß, was du mir noch alles verschwiegen hast, jetzt könnte ich dir nie mehr vertrauen, und ohne Vertrauen geht bei mir gar nichts. Je eher du gehst, umso besser.«
Andria nickte. Sie sah ein, daß es keinen Zweck mehr hatte, Tobias umstimmen zu wollen.
»Ich bin traurig«, sagte sie, und Tobias war verblüfft, wie offen sie das zugab. Jetzt konnte er auch Tränen in ihren Augen erkennen. »ich packe gleich alles zusammen und gehe dann sofort.«
Sie packte schnell ihren Sachen zusammen, zog ihre Jacke an und ging zur Tür, die Tobias ihr schon geöffnet hatte und wartend daneben stand. Plötzlich drehte sie sich noch einmal um und fragte:
»Willst du wirklich, daß ich gehe?«
Nein, rief seine innere Stimme, sag ihr, daß sie bleiben soll!
»Ja«, sagte Tobias und wollte seiner Stimme Nachdruck verleihen, aber neben der Wut, die bereits abklang, hatte sich bereits ein wenig Trauer in sein Herz gemischt, deshalb klang seine Antwort zwar deutlich, aber seltsam hohl und leer, so als käme sie von irgendwo außerhalb du nicht von ihm.
Andria nickte traurig, ging durch die Tür, die Treppe hinunter und verschwand.
Tobias schloß die Tür. Um sicherzugehen, schaute er nochmal zum Küchenfenster heraus, von dem aus er immer gut sehen konnte, wer gerade das Haus verließ oder hineinging.
Von Andria war keine Spur mehr zu sehen.

Tobias versuchte in den nächsten Tagen, möglichst wenig an den Besuch vom Wochenende zu denken und stattdessen einige Dinge grundlegend zu ändern. So brachte er seinen Kollegen im Büro etwas zum Naschen für die Kaffeepause mit, bot überall seine Hilfe an und arbeitete bis spät abends, und wenn er dann nach Hause kam, veränderte er seine Wohnung: Er stellte das Sofa um, hängte neue Bilder auf und räumte all die überflüssigen Notizen, Zeitschriften, Infoblätter und anderes Material weg, das sich im Laufe der Zeit angesammelt hatte und schon längst nicht mehr aktuell war.
»Na also, es geht doch«, sagte er zufrieden.
Aber plötzlich drängte sich eine Frage in seine Gedanken: Warum?
Tobias haßte diese Frage, denn er wußte, daß es nur eine Antwort darauf gab. Noch während er überlegte, kam schon die nächste: Warum? Wofür rackerst du dich so ab?
Es war seine innere Stimme, das wußte er schon, und er wußte auch, daß er um eine Antwort nicht herumkam.
- Damit ich's besser habe, anwortete er.
- Und hast du das wirklich?
- Ja.
- Fehlt dir nicht trotzdem was?
- Vielleicht. Aber wann fehlt einem schonmal nichts.
Dann war es Zeit für die Fernsehnachrichten. Tobias schaltete den Fernseher ein und sah sie sich an.

Die nächsten Tage vergingen ohne besondere Ereignisse. Am Freitag, genau eine Woche nach dem Besuch von Andria, ging Tobias ins Kino und legte sich danach sofort ins Bett, obwohl er noch gar nicht so müde war. Aber er wollte mal wieder richtig lange schlafen und gerade an diesem Freitag die Gelegenheit dazu nutzen.

Am nächsten Morgen fühlte er sich jedoch seltsam müde, obwohl er relativ gut geschlafen hatte. Als er vor dem Spiegel stand und sich rasierte, meldete sich seine innere Stimme wieder.

- Toll hast du das gemacht, sagte sie ironisch.
- Was denn?
- Du hast das Glück deines Lebens mit Füßen getreten.
- Das nennst du Glück? Erst schwebe ich im Himmel und denke, was für eine tolle Frau, und dann erfahre ich so nebenbei beim Frühstück, daß sie nur ein Androide ist.
- Das wäre ja alles nicht passiert, wenn du Torfkopf nicht gleich in die Küche spaziert wärst, sondern mal ein bißchen länger auf sie gewartet hättest.
- Jaja, natürlich. Auf dieses künstliche Glück kann ich verzichten. Ich will nicht mit einem Roboter zusammen sein.
- Sie ist kein Roboter, das weißt du genau. Sie ist eine künstliche Lebensform.
- Natürlich. Trotzdem hätte sie mich ja mit dieser Tatsache nicht so schocken müssen.
- Sie hat sich doch bei dir entschuldigt. Was soll sie denn noch tun? Du an ihrer Stelle hättest sicher auch nichts anderes getan.
- Doch, ich hätte mich gar nicht erst mit einem Wesen eingelassen, das ganz anders ist als ich.
- Sag mal, was willst du eigentlich? Du hast dich immer darüber beklagt, daß du mit Frauen kein Glück hast. Sie waren dir zu launisch, zu gemein, zu unromantisch, zu egoistisch oder zu anspruchsvoll. Dann kommt eine, die aus deinen Träumen sein könnte, öffnet dir ihr Herz, und als du ihren einzigen Fehler entdeckst, setzt du sie gleich vor die Tür!
- Wo hat sie mir denn ihr Herz geöffnet?
- Weißt du das nicht mehr, du Hornochse? Sie hat dir sogar mehrmals gesagt, daß sie dich liebt. Zuerst hat sie gesagt, daß sie dich sehr gern hat, später dann, daß sie gehofft hat, du würdest sie so mögen, wie sie ist und dann, daß sie deine Liebe haben wollte.
- Stimmt. Aber wer sagt denn, daß sie das wirklich wollte? Vielleicht wollte sie ja auch nur ausprobieren, wie das ist, mit einem Menschen zusammen zu sein. Immer nur ein Raumschiff als Gatten zu haben ist ja auch wenig abwechslungsreich, höhnte Tobias, und dachte nun, ein schlagfertiges Argument gefunden zu haben, aber seine innere Stimme wußte auch hier eine Antwort.
- Wenn sie das tatsächlich gewollt hätte, dann hätte sie auch gleich zu Georg gehen können, dem größten Casanova deiner Firma. Bei ihm hätte sie es auch wesentlich leichter gehabt, der nimmt ja sowieso alles, was ihm vor die Flinte läuft.
- Ja, auf den fallen alle rein, knirschte Tobias zustimmend.
- Aber das hat sie nicht getan. Sie hat es bei dir bewußt langsam und vorsichtig angehen lassen und auf deine Gefühle immer Rücksicht genommen. Begreifst du das nicht, du Pappenheimer, sie hat dich ganz bewußt ausgewählt, weil sie eben nicht so einen Typen haben wollte wie Georg.
- Kann sein. Aber woher soll ich denn jemals wissen, ob ihre Gefühle echt sind?
- Du Knallfrosch, woher willst du denn so genau wissen, ob die Gefühle von anderen Menschen dir gegenüber echt sind? Bei denen kannst du auch nur auf das vertrauen, was sie dir sagen. Jetzt überleg' mal, wann bist du denn jemals so fröhlich mit einer Frau gewesen wie mit Andria? Wann hast du zuletzt mit einer so gelacht, warst so unbeschwert und hattest so viel Spaß wie mit ihr?
Tobias seufzte. Er mußte sich eingestehen, daß sein Widerstand gegen die Einsicht, einen schlimmen Fehler begangen zu haben, zu bröckeln begann.
- Ist schon verdammt lange her.
- Na also. Hättest du sie nicht in der Küche erwischt und gleich vor die Tür gesetzt, wärst du durch sie sicher einer der glücklichsten Menschen auf der Welt geworden. Vielleicht hättest du mit ihr sogar den Himmel auf Erden erlebt. Und das alles hast du einfach so aufgegeben, nur weil du ihr einmal nicht verzeihen wolltest.
- Ich war eben zu sehr geschockt.
- Glaubst du etwa, du hättest sie nicht überrascht, als du plötzlich in der Küche warst? Trotzdem hat sie besonnen reagiert. Du hattest nur Sarkasmus für sie übrig. In diesem Augenblick hat sie sich menschlicher benommen als du.
Tobias sah die Sache plötzlich aus einem ganz anderen Blickwinkel, und ihm wurde klar, daß seine Reaktion wirklich übertrieben gewesen war. Aber er hatte noch einen Trumpf im Ärmel.
- Mal angenommen, du hast recht, und sie wäre bei mir geblieben. Dann hätte es doch nur höchstens eine Woche gedauert und ich wäre ihr langweilig geworden. Vielleicht hätte Georg dann an der Tür geklingelt und sie hätte sich doch mit ihm eingelassen. Alle schimpfen zwar auf ihm herum, aber wenn sie ihn sehen, sind alle Vorsätze plötzlich vergessen. Es ist doch immer dasselbe. Er sieht einfach zu gut aus.
- Jetzt denke mal nach, du Ochsenfrosch, mahnte ihn seine innere Stimme nachdrücklich, du bist doch auch nicht einer von den Männern, deren Traum eine Frau mit Riesenbusen und blonder Mähne ist, oder?
- Nein.
- Na also. Und wer sagt dir, daß Andria Georg gleich so toll finden würde? Vielleicht ist sie auch so eine Ausnahme wie du. Außerdem hast du selbst mal gesagt, man muß jedem eine Chance geben, stimmt's?
- Ja, stimmt. Was soll's, ich kann es nicht mehr ändern. Ich habe eben immer Pech.

Tobias schaute auf die Uhr. Er hatte eine glatte Stunde stumm mit seiner inneren Stimme diskutiert und hielt immer noch seinen Rasierapparat in der Hand! Schnell rasierte er sich fertig und hoffte, daß ihn keiner in dieser eigenartigen Situation gesehen hatte.

Nun wollte er sich wieder um seine Hobbies kümmern und legte los. Aber er bemerkte, daß er ungewöhnlich wenig Lust dazu hatte, und irgendwie klappte es auch nicht so, wie er wollte. Immer wieder ertappte er sich dabei, daß seine Gedanken abschweiften und für einen kurzen Moment die Erinnerung an Andria wiederkam. Ab und zu mußte er sogar lächeln, wenn er an den Abend dachte, wo er mit ihr Steinweitwurf am Teichufer geübt hatte. Das wird auch vorübergehen, morgen schaffe ich sicher mehr, dachte er bei sich und beschloß, heute nicht mehr viel zu machen sondern stattdessen eine schöne lange Runde draußen an der frische Luft zu drehen. Aber gerade als er gehen wollte, machte ihm das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Er hatte durch seine Träumereien gar nicht bemerkt, daß sich der Himmel immer mehr bedeckt hatte und es erst langsam, dann aber heftiger zu regnen anfing. Und jetzt hatte es sich richtig eingeregnet. Was soll's, ich gehe trotzdem raus, dachte sich Tobias, nahm seinen Regenschirm und machte sich auf den Weg.
Aber das Wetter war so unfreundlich, daß er nach weniger als einer halben Stunde wieder in der Wohnung war. Pech gehabt, wie immer, dachte er. Also schaltete er kurzerhand den Fernseher an und ließ sich berieseln.

Als er am nächsten Tag aufwachte, lief der Fernseher immer noch. Hoppla, war er etwa vor dem Kasten eingeschlafen? Es schien so. Er gähnte erstmal kräftig, dann schaltete er ihn aus und duschte sich. Danach wollte er frühstücken, aber er das Essen fiel ihm eher schwer, er hatte gar keinen richtigen Hunger. Schließlich setzte er sich an seine liegengebliebene Arbeit von gestern abend und wollte weitermachen. Doch schon wieder dachte er währenddessen öfter an Andria, als ihm lieb war. Was ist denn nur los, dachte er, es kann doch nicht sein, daß ich sie nicht vergessen kann. Ich bin doch Pechsträhnen gewöhnt! Aber heimlich wußte er, daß er sich über eine entgangene Glückssträhne ärgerte, auch wenn er sich das nicht eingestehen wollte, und daß ihm Andria mehr bedeutet hatte, als er zuzugeben bereit war. Tobias schaffte auch an diesem Tag weit weniger, als er sich vorgenommen hatte, und in trauriger, schon fast melancholischer Stimmung ging er ins Bett, in der Hoffnung, der nächste Tag würde besser werden. Aber er konnte nur schlecht schlafen und wachte am nächsten Morgen wie gerädert auf. Trotzdem ging er wie immer zur Arbeit und als der Tag vorüber war, stellte er fest, erstaunlich selten an Andria gedacht zu haben. Na also, dachte er sich, es geht wieder aufwärts. Doch er irrte sich. Hatte ihn die Arbeit noch am ersten Tag ablenken können, war er an den darauffolgenden immer häufiger geistesabwesend, machte Flüchtigkeitsfehler und schlief wieder schlecht. Und auf das Wochenende konnte er sich schon gar nicht mehr freuen. Am schlimmsten war es, wenn er unterwegs war und ein glückliches Paar sah, das Hand in Hand ging oder eng umschlungen an einer Ecke stand und sich küßte. Das war wie ein Messerstich für ihn und tat ihm im Herzen weh.

Von da an spürte Tobias, daß es mit ihm steil bergab ging: Er verlor jegliches Interesse an Dingen, die ihm früher einmal etwas bedeutet hatten, er rasierte sich immer weniger und vernachlässigte sein Äußeres immer mehr, ernährte sich immer häufiger nur noch von Kartoffelchips und Cola und tat nichts mehr extra, sondern gab sich seinen Kollegen gegenüber gereizt und mürrisch. Wenn sie ihn auf Fehler hinwiesen, war seine Antwort nur noch »Na und? Ihr macht auch Fehler!«, und damit war für ihn die Sache erledigt. Und fragten sie ihn, ob mit ihm etwas nicht stimmt, gab er sauer zurück: »Das geht euch gar nichts an!«.

Es war Freitagabend, und während Tobias wieder auf dem Sofa saß, Kartoffelchips vertilgte und uninteressiert vor dem Fernseher von einem Kanal zum anderen sprang, klingelte es plötzlich. Das erschreckte ihn so, daß er sich beinahe verschluckt hätte. Sollte etwa Andria wieder vor der Tür stehen? Mit einem Ruck stand er auf, klopfte seine Kleidung ab, bis keine Krümel mehr zu sehen waren, ging zur Tür und machte auf.

Doch er sah etwas völlig anderes, als er erwartet hatte. Ausgerechnet Georg, der größte Casanova, den er kannte, stand vor der Tür mit zwei Blondinen im Arm.
»Hi Tobi, ich wollte mal vorbeikommen. Britta sagte, Du könntest eine Aufmunterung gebrauchen. Ich habe mir heute diese netten Fischlein geangelt und jetzt wollen wir richtig Party machen. Kommst Du mit?«
Tobias konnte es nicht leiden, mit »Tobi« angeredet zu werden, das wußte Georg auch, aber er hatte noch nie Sinn für Taktgefühl gehabt. Und in seinem Blick lag auch wieder dieses spöttische Angeberlächeln, das eine überdeutliche Arroganz und Selbstverliebtheit zum Ausdruck brachte, und Tobias, der das zutiefst haßte, hatte nicht die geringste Lust, das fünfte Rad am Wagen zu spielen und sich nur als billiger Bewunderer für Georgs Eroberungen mißbrauchen zu lassen.
»NEIN!« fauchte er wütend und schlug die Tür zu. Er hörte zwar noch, wie die Blondinen blöde kicherten und Georg nochmal klingelte, aber er ignorierte es und stellte nach einer Weile zu seiner Erleichterung fest, daß sie gegangen waren.
Dieser Großkotz hat mir gerade noch gefehlt, dachte er, schlimmer kann es nicht mehr werden!

Dieses Erlebnis hatte ihm den Rest gegeben. Tobias verlor jegliches Gefühl für die Zeit. Ob Sonntag oder Montag war, es machte keinen Unterschied für ihn, er fühlte sich sowieso nur elend. Als er dann auch immer öfter zu spät zur Arbeit kam, bestellte ihn sein Chef zu sich und wollte wissen, was los sei. Als Tobias antwortete, er hätte gerade eine schwierige Lebensphase durchzumachen, legte ihm sein Chef nahe, Urlaub zu nehmen.
»Nicht nötig«, meinte Tobias.
»Entweder Sie nehmen freiwillig Urlaub, oder Sie holen sich Ihre Unterlagen ab«, war die Antwort.

Tobias entschied sich dafür, Urlaub zu nehmen, obwohl er nicht wußte, ob das richtig war. Und nun wurde es noch schlimmer mit ihm: Er aß kaum noch etwas, blieb tagelang im Bett oder lief nur noch im Trainingsanzug herum, beantwortete keine Briefe oder eMails mehr und wenn das Telefon klingelte und er nach seinem »Hallo?« eine bekannte Stimme hörte, sagte er kurzerhand »Falsch verbunden« und legte gleich wieder auf. Langsam wußte er auch nicht mehr, ob Tag oder Nacht war, ob die Sonne schien oder es regnete, welches Datum gerade war und was er gestern noch getan hatte. In seinem Briefkasten stapelten sich die Briefe und die Werbung, seine Wohnung wurde immer unordentlicher und in seinem Kühlschrank verdarben die Lebensmittel. Das Radio schaltete er gar nicht mehr aus und ließ es Tag und Nacht laufen. Er fing plötzlich an, ganz verrückte Dinge zu tun, er malte Andrias Namen auf seine Tischplatte, auf das Regal, die Tür und seine Bücher, er stellte eine Webseite ins Internet, auf der nur Andrias Name zu lesen war, er schrieb ihren Namen an jeden Tag seines Kalenders, faltete kleine Papierflugzeuge, auf der ihr Name stand und ließ sie durch das Fenster fliegen, er ließ seine Badewanne vollaufen und darauf Papierschiffe fahren, die er allesamt »MS Andria« taufte und schnitt Buchstaben aus der Zeitung aus, mit denen er ihren Namen zusammenklebte und ihn zu einer langen Papierkette gebastelt ins Zimmer hängte. Und während er das alles tat, wurde ihm klar, was für ein wunderbares und selbstloses Wesen Andria doch war. Zum ersten Mal hatte er es erlebt, daß eine Frau für ihn mehr getan hatte, als er für sie, und ihm trotzdem keine Vorwürfe machte, sondern froh war, wenn er sich darüber freute. Oh Andria, dachte er, hätte ich doch nur noch einmal die Chance, dir zu sagen, was du für mich bedeutest, nur einmal noch...

Aber Tobias wußte beim besten Willen nicht, wie er sie erreichen sollte. Es ging ihm richtig dreckig wie es noch nie der Fall gewesen war, und ihm war sowieso alles egal geworden. Nur sie, Andria, war ihm nicht egal. Ich liebe dich, sagte er jedesmal leise, wenn er ihren Namen um sich herum sah. Und dann hoffe er, daß sie es hören konnte.

An einem frühen Morgen, als die Sonne in sein Zimmer schien und das Radio wie immer lief, wurde er wach und hörte die Morgenandacht. Der Pastor sprach gerade: »Was lernen wir aus dieser Geschichte? Auch wenn wir noch so ungewöhnliche Erlebnisse hatten, wir haben in Gott einen Freund, der uns zuhört und uns glaubt, auch wenn es alle anderen nicht tun. Mit ihm kann man jederzeit reden, sein Verständnis ist weit größer, als wir es uns vorstellen können. Wenn Sie also etwas auf dem Herzen haben, sprechen Sie mit Gott oder gehen Sie in eine Kirche, dort ist jemand, der Ihnen zuhört«. Danach wurde wie üblich noch der Name des Pastors und der seiner Gemeinde genannt.

Tobias dachte nach. Gott hört auch ungewöhnliche Erlebnisse? Er sollte in eine Kirche gehen? Die Kirche des Pastors war gar nicht mal so weit weg von ihm, mit dem Auto brauchte er bis dahin nur eine halbe Stunde. Sollte er es einfach mal probieren? Was soll's, einen Versuch ist es wert, wenigstens kann dann keiner mehr sagen, ich hätte nichts versucht, dachte Tobias. Er stand auf, wusch und rasierte sich, setzte sich in sein Auto und war eine Stunde später bei der Kirche angelangt.

Er trat ein, sah aber niemanden. Langsam ging er Richtung Altar, und als er dort angelangt war, fragte er sich, ob es überhaupt einen Sinn hatte, was er gerade tat. Während er darüber nachdachte, hörte er plötzlich eine Stimme:
»Suchst Du etwas, mein Sohn?«
Tobias sah einen älteren Herr mit schlohweißem Haar, ohne Bart und einer Lesebrille im Pastorengewandt neben sich stehen. Zuerst war er überrascht, dann fragte er, ob er der Pastor sei, der die Radioandacht gesprochen hatte.
»Das bin ich, mein Sohn. Was hat dich hergeführt?«, fragte der ältere Herr.
»Ich habe nicht viel Ahnung von Religion«, gab Tobias zu, »aber Sie sagten, Gott hört uns zu, auch wenn wir etwas sehr Ungewöhnliches erlebt haben. Und ich hatte so ein ungewöhnliches Erlebnis und brauche jemanden, dem ich es erzählen kann, weil ich mir sicher bin, daß es mir keiner glauben wird. Oder würden Sie es glauben?«
»Nun, dazu müßtest du es mir erstmal erzählen, mein Sohn. Folge mir in mein Zimmer«.
Er folgte dem Pastor in ein kleines, sparsam eingerichtetes Zimmer und setze sich an einen kleinen Tisch. Der Pastor holte Tee und bot ihm welchen an. Tobias war einverstanden, es war ja seit langem das erste Mal, daß sich jemand irgendwie um ihn kümmerte.
»Du kannst anfangen, mein Sohn« sagte der Pastor, als er sich neben ihn gesetzt hatte. Tobias überlegte, wie er anfangen sollte, und zuerst sprach er noch langsam und überlegte seine Sätze, aber dann redete er immer freier und schließlich sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus. Der Pastor machte während seiner Erzählung keine einzige Bemerkung, nur ab und zu nickte er mal und trank etwas Tee. Tobias erzählte und erzählte und als er zum Ende kam, waren fast zwei Stunden vergangen.
»Was meinen Sie dazu, Herr Pastor?« fragte Tobias, nachdem eine kleine Pause entstanden war.
Der Pastor strich sich mit der Hand über das Kinn, rückte seine Brille zurecht und antwortete dann:
»Nun, mein Sohn, du hast wirklich eine sehr ungewöhnliche Geschichte erlebt. Ich freue mich jedoch, daß Du sie mir so ausführlich erzählt hast.«
»Glauben Sie mir also?« fragte Tobias etwas unsicher.
»Ja, mein Sohn. Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, denn Gott der Herr hat mehr Dinge zwischen Himmel und Erde geschaffen, als wir es uns vorstellen können«.
»Ja, aber was soll ich denn nur tun? Ich würde Andria so gerne noch einmal sprechen und mich bei ihr für alles entschuldigen, aber ich weiß nicht, wie ich sie erreichen kann.«
Der Pastor schien eine Weile nachzudenken, dann sagte er:
»Mein Sohn, ungewöhnliche Fälle verlangen auch ungewöhnliche Maßnahmen. Ich würde dir raten, ihr eine Flaschenpost zu schicken«.
»Eine Flaschenpost?« fragte Tobias überrascht, denn mit so einem Vorschlag hatte er absolut nicht gerechnet.
»Ja, eine Flaschenpost. Vertraue auf Gott den Herrn, er wird sie lenken und zu Andria bringen. Wenn du daran glaubst, wird Gott dich nicht im Stich lassen, er wird dir helfen.«
»Schön, aber wie lange wird das dauern?«
»Das kann ich dir leider nicht vorhersagen. Aber glaube mir, deine Andria wird sich eines Tages bei dir melden.«
Tobias nickte. Meine Andria, dachte er, wie schön das klingt!
»Ich werde es versuchen. Vielen Dank für den Ratschlag.«
Er verabschiedete sich und fuhr wieder nach Hause.

Gleich, nachdem er angekommen war, leerte er seine Mineralwasserflasche, spülte sie aus, stellte sie sich auf den Schreibtisch und schrieb Andrias Namen mit einem wasserfesten Stift darauf. Dann nahm er sich einen Block und Füller, setze sich und schrieb »Liebe Andria!«. Bevor er weiterschreiben konnte, überlegte er, wie er diese Nachricht anfangen sollte, und er beschloß, einfach so frei von der Leber weg zu erzählen, wie er es beim Pastor getan hatte: »Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll, und auch nicht, ob du diese Nachricht jemals erhalten wirst, aber ich vermisse dich so sehr und habe erst jetzt gemerkt, wieviel du mir bedeutest...« Und so schrieb er weiter und weiter und dachte gar nicht darüber nach, ob es kitschig oder ungeschickt klang, und der Brief wurde immer länger. Tobias schrieb wie ein Weltmeister, er konnte und er wollte gar nicht mehr aufhören, zu viel hatte sich in letzter Zeit in seiner Seele angestaut und drängte danach, endlich ans Licht zu kommen, so wuchs der Brief Seite um Seite, und als er die letzte Seite beendet hatte, war fast der ganze Block verbraucht. Er verlor keine Zeit, rollte das Papier zusammen und schob es vorsichtig in die Flasche, was keineswegs leicht war, weil seine Hände vor Aufregung zitterten. Dann schnappte er sich seine Jacke, fuhr mit dem Auto zum Hafen und stand schließlich mit der Flasche am Kai. Es war früher Abend, die Möven kreischten und ein paar Wolken zogen am Himmel entlang, aber das Meer war relativ ruhig, es waren nur kleine Wellen zu sehen. Tobias schaute sich um, außer ihm war weit und breit niemand zu sehen. Also streckte er den Arm mit der Flasche aus und dachte: Lieber Gott, bitte bring' diese Flasche zu Andria und ließ sie fallen. Platschend landete sie im Wasser und trieb vor sich hin. Tobias schaute ihr noch eine Weile zu, dann fuhr er wieder nach Hause.

Dort angekommen fühlte er sich schon wieder etwas besser. Ich hätte nie geglaubt, daß ein Besuch in der Kirche so viel bringen könnte, dachte er. Zum ersten Mal fiel ihm auch der Zustand seiner Wohnung richtig auf, und er beschloß, ein wenig Ordnung zu schaffen. Als er damit fertig war, ging er daran, seine eMails zu beantworten. Das beschäftigte ihn dann den ganzen Rest des Tages, und in dieser Nacht konnte er endlich mal wieder normal schlafen.

Am nächsten Morgen, es war gegen 9:00 Uhr, wachte Tobias auf. Er zog sich an, schaltete seinen Computer ein und ging in die Küche, um sich Kaffee zu machen. Als er nach einer Weile zurückkam, meldete sein Computer:

SIE HABEN EINE NACHRICHT ERHALTEN

Komisch, dachte Tobias, hat da einer von gestern schon geantwortet? Die müßten doch alle sauer sein, weil ich ihnen so lange nicht geschrieben habe! Seltsam!

Tobias wies sein Programm an, ihm die eMail zu zeigen, und als er sie sah, fiel ihm fast die Kaffeetasse aus der Hand. Da stand:

»Hallo Tobias, hier ist Andria. Ich habe Deine Flaschenpost erhalten, vielen Dank! Tut mir leid, daß es Dir so schlecht ging, nachdem ich weg war. Ich würde Dich auch liebend gern wieder treffen. Aber wir müssen vorher zum Tribunal. Wenn das für Dich kein Hindernis ist, dann schreibe mir bitte. Deine Andria«

Die Absenderadresse für diese eMail konnte Tobias nicht erkennen, sie bestand aus einem undefinierbaren Zeichencode. Er hoffte jedoch, daß sie gültig war und die Antwort an der richtigen Stelle ankommen würde. Mit klopfendem Herzen und zitternden Fingern setzte er sich sofort daran und schrieb zurück:

»Liebe Andria! Ich gehe mit Dir wohin Du willst und wann Du willst. Ich bin so glücklich, daß Du die Flaschenpost erhalten hast und mich nochmal treffen willst. Sage mir einfach wann und wo und ich werde da sein, das schwöre ich Dir. Ich vermisse Dich so sehr! Dein Tobias«

Er überlegte eine Weile, ob diese eMail zu kurz sein könnte, aber dachte daran, je kürzer sie war, desto eher würde sie weitergeleitet werden und an ihrem Ziel ankommen. Kurzerhand schickte er sie ab. Dann nahm er seine Stoppuhr und ließ 5 Minuten verstreichen. Danach fragte er nochmal seine Mailbox ab, aber sie war leer, es war also keine Meldung über Unzustellbarkeit gekommen. Gott ich danke dir, dachte Tobias. Dann stand er auf und sagte zu sich selbst: »Andria ist wieder da! Und ab jetzt werde ich alles besser machen!« Er war so fröhlich, daß er es auch zu seinem Monitor sagte, seinem Regal, seiner Tür, seinem Bett und erst recht seiner Küche. Und er schrieb eine Postkarte an den Pastor, der ihm so geholfen hatte.

Etwas später dachte Tobias darüber nach, was Andria wohl mit diesem Tribunal gemeint haben konnte. Aber was es auch war, er war fest entschlossen, es für sie durchzustehen. Nachdem er so lange gelitten hatte, schreckte ihn sowas auch nicht mehr. Er hoffte nur, daß Andria ihm sagen würde, wo er sie treffen konnte. Alles andere würde sich dann ergeben.

Spätabends fragte Tobias nochmal seine Mailbox ab, aber es befand sich keine Nachricht von Andria darin. Trotzdem war er noch immer gut gelaunt, fuhr den Computer herunter und ging schlafen.

Er ahnte nicht, daß ihm seine schwerste Prüfung erst noch bevorstand.

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