Startseite > Dorian Damarowski > Kikubashi und der Feuerdämon  

Kikubashi und der Feuerdämon

Es ist schon etliche Jahre her, da hatte ich noch keine Erfahrungen mit Engeln oder Dämonen und war ich im Urlaub in Kambodscha unterwegs. Dort hatte ich, wie viele andere Touristen auch, die riesige Templestadt Angkor Wat besucht. Allerdings war ich nicht treu dem Fremdenführer hinterhergetrottet, sondern hatte einige Bauwerke auf eigene Faust erkundigt. Bei einem dieser Bauwerke schimmerte mir etwas entgegen, und als ich darauf zuging, entdeckte ich, dass es eine Art Münze war. Eine solche Münze, nicht viel grösser als ein 2 EUR Stück, hatte ich noch die gesehen, denn nachdem ich sie vom Schmutz befreit hatte, fiel mir auf, dass sie aus Silber zu bestehen schien, aber seltsame goldene Zeichen darin eingraviert waren. Ich beschloß,  zur Museumsverwaltung von Angkor Wat zu gehen und dort meinen Fund zu zeigen. Allerdings ging es nun schon auf den Abend zu und mir knurrte der Magen, deshalb würde das erst morgen möglich sein.

Ich war also in ein Restaurant gegangen und ass dort Frühlingsrolle mit süss-saurer Soße. Das Restaurant lag etwas ausserhalb und war auch nicht besonders gut besucht, ich war fast der einzige Gast. Gerade, als ich mir nochmal die Münze anschaute, setzte sich mir gegenüber eine grosse, fast schon hühnenhafte Gestalt hin, die keine Haare hatte und mit ihrer langen, pechschwarzen Kleidung schon fast mittelalterlich wirkte.
"Eine schöne Münze habt Ihr da, Fremder", sagte sie mit kalter, dunkler Stimme, "kann ich sie mal sehen?" Ihre Augen wirkten nicht nur bedrohlich, sondern geradezu stechend, so als würden sie unbedingten Gehorsam erwarten.
"Tut mir leid, die Münze gehört mir nicht. Ich werde sie morgen zur Museumsverwaltung bringen", antwortete ich.
Das Gesicht des Hühnen verfinsterte sich, seine Miene wurde grimmiger und sie Augen noch stechender.
"Was wollt Ihr für die Münze haben?" fragte er, diesmal mit einer noch tieferen, bedrohlicheren Stimme.
"Nichts", entgegnete ich, "wie ich schon sagte, die Münze gehört mir nicht, also werde ich sie Euch nicht geben, egal was Ihr bietet."
FeuerdämonDas waren wohl genau die falschen Worte, denn nun sprang der Hühne vom Stuhl und brüllte mir entgegen: "Vielleicht tut Ihr es gegen weniger Schmerz!". Dann ging alles blitzschnell. Vor mir verwandelte sich der Hühne in einen Berg aus Feuer, in dem ich eine hassverzerrte Fratze sah, und der mir so viel Hitze, Qualm und Gestank entgegenwarf, dass ich kaum noch atmen konnte. Gleichzeitig wurde meine Hand, die immer noch die Münze hieß, brennend heiss, als würde sie jemand direkt auf eine heiße Herdplatte pressen. Schreiend liess ich die Münze los, die daraufhin herunterfiel und aus meinem Blickfeld verschwand. Ich hörte noch dämonisches, triumphierendes Gelächter, bis plötzlich ein blauweißer, funkensprühender Lichtstahl auftauchte. Er umkreiste erst mich, woraufhin der unerträgliche Schmerz in meiner Hand endlich nachließ, dann die Feuergestalt, die nur noch "Nein" schrie, dann aber völlig im weißblauen Licht verschwand und sich in einem Funkenhagel auflöste. Alles das hatte sich in nur wenigen Sekunden abgespielt. Der blaue Lichtstrahl kam jetzt auf mich zu. Kurz darauf konnte ich ein weibliches Wesen mit Flügeln erkennen, das die Arme ausbreitete, sich vor mir verneigte, dann in eine kleine weißblaue Kugel verwandelte und dann ebensoschnell verschwand, wie es gekommen war.
Ich blinzelte. Um mich herum schien sich nichts verändert zu haben, die wenigen Gäste waren immer noch da und assen wie vorher, auch sonst schien nicht einer irgendwas von diesem Kampf mitbekommen zu haben. Aber wo war jetzt die Münze? Ich suchte sie und fand sie tatsächlich wieder, sie lang nicht weit von mir unter einem Tisch eine Reihe weiter und war offenbar völlig unversehrt. Und noch etwas fiel mir auf: Dort, genau an der Stelle, wo sich das Lichtwesen vor mir verneigt hatte, lag eine Blume - eine dunkelrote Chrysantheme.

Mit der Chrysantheme und der Münze in der Hand kehrte ich in mein Hotel zurück. Dort ließ ich mir einen Kaffee aufs Zimmer bringen und eine Vase für die Blume. Während ich meinen Kaffee trank, legte ich die Münze beiseite und schaute dann dann die Chrysantheme näher an, konnte aber nichts Auffälliges an ihr entdecken, sie hätte auch aus einem Blumenladen stammen können. Aber wo kam sie denn nun wirklich her? Und vor allem: Wem gehörte sie eigentlich?
"Du bist eine schöne Blume", murmelte ich gedankenverloren vor mich hin, während ich über eins ihrer Blätter strich, "Ich würde zu gern wissen, wie du heisst".
KikubashiIn diesem Moment fing die Münze plötzlich an, weissblau zu leuchten. Überrascht spürte ich, wie mich jemand von hinten umarmte und mir auf einmal ganz warm ums Herz wurde.
"Kikubashi Tengoku", hörte ich eine glockenreine Stimme neben mir. Ich schaute nach links und sah das Gesicht der Lichtgestalt, das mich freundlich anlächelte. "Du musst keine Angst haben, ich bin ein Engel. Verzeih mir, dass ich so unangemeldet gekommen bin. Tut Deine Hand noch weh?"
"Nein", gab ich zurück, "alles wieder okay, danke. Was war denn das da vorhin für ein Flammenmonster?"
Sie lachte, und ihr Lachen klang süss, so beschwingt wie der Flügelschlag von Schmetterlingen. Jetzt löste sie die Umarmung auf und setzte sich vor mich auf den Tisch.
"Dieses Monster war Gnorkk, ein Feuerdämon", erklärte sie.
"Aha, das ist wohl einer von der ganz schlimmen Sorte", fragte ich.
Sie kicherte.
"Eigentlich nicht. Ausser Wind machen und Verbrennen können Feuerdämonen nämlich nicht viel. Ich habe es schon mit wesentlich schlimmeren Gegnern zu tun gehabt."
"Echt?" fragte ich anerkennend. "Eins ist mir noch unklar: Was ist an dieser Münze so besonderes, dass der Feuerdämon sie unbedingt haben wollte?"
Ich reichte ihr die Münze. Kikubashi nahm sie und legte sie in ihre Hände. Dabei fiel mir auf, dass sie klein und zierlich waren, so dass ich nie geahnt hätte, wieviel Macht sie ausüben konnten, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Sie hatten kurze Fingernägel und eine samtene Haut. Die Münze, die jetzt in ihnen lag, wirkte etwas grösser, aber das war eher eine Täuschung.
"Das hier ist keine Münze, sondern ein Amulett. Es wurde vor langer Zeit von den Mönchen in Angkor Wat hergestellt, zu Ehren Buddhas, und sollte seinen Träger gegen die Mächte des Bösen schützen. Hier steht, immer wenn ihn das Böse bedroht, werden Engel kommen und ihm helfen".
"Engel wie du?" fragte ich neugierig. Sie lachte wieder.
"Ja, Engel wie ich."
"Und warum wollte der Feuerdämon dieses Amulett haben? Viel genutzt hat es mir ja nicht", sagte ich.
"Du irrst dich", antwortete sie jetzt ganz ernst, "dieses Amulett ist mächtiger, als du glaubst. Es hat mir das Signal gegeben, dir zu helfen. Gnorkk wollte es vernichten, weil es schon viele Dämonen bei ihrem Versuch daran gehindert hat, ihre Macht auszuüben. Und das kann dir ab jetzt öfter passieren, denn seit dem Kampf von vorhin bist du kein Unbekannter mehr im Dämonenreich."
"Heisst dass, dass du jetzt immer kommst, wenn mich wieder ein Dämon bedroht?" fragte ich sie unvermittelt, und wieder lachte sie.
"Immer, wenn dich ein Dämon oder eine andere böse Macht bedroht und du das Amulett trägst, wird dir ein Engel helfen, das kann aber auch ein anderer sein als ich."
"Sind alle Engel so wie du?" wollte ich wissen. Sie schüttelte den Kopf. Dabei bewegten sich ihre langen silberweißen Haare mit, was ein wunderschöner Anblick war.
"Wir Engel sind uns alle ähnlich, aber nicht völlig gleich. Jeder hat seinen individuellen Charakter und seine speziellen Eigenschaften."
Ich dachte kurz nach.
"Wenn also das nächste Mal ein Engel erscheint, könnte der auch männlich sein?" fragte ich schließlich. Sie kicherte wieder.
"Kann passieren. Es hängt allerdings von dir ab."
"Von mir? Wieso denn?" fragte ich überrascht. Sie hob den Zeigfinger und erklärte:
"Eigentlich sind wir Engel weder weiblich noch männlich. Wir erscheinen bei einem Menschen allerdings so, wie er sich am liebsten einen Engel vorstellt. Ich hoffe, ich bin so, wie du es magst."
"Wenn ich ehrlich sein soll: Du hast meine kühnsten Vorstellungen übertroffen", gab ich zu.
Sie lächelte, und dieses Lächeln überstrahlte das ganze Zimmer. "Danke, Dorian".
"Kikubashi, könntest du nicht jedesmal erscheinen, wenn ich deine Hilfe brauche, als mein Schutzengel, sozusagen?" fragte ich sie eindringlich. Natürlich erhoffte ich mir das, rechnete aber eigentlich nicht ernsthaft damit. Zu meiner Überraschung sagte sie:
"Willst du das wirklich? Es ist für uns Engel eine grosse Ehre, wenn ein Mensch uns persönlich zu seinem Schutzengel bestimmt."
"Das will ich wirklich, ja", bekräftigte ich.
Sie strahlte. "Gut, dann müssen wir uns jetzt küssen!"
Ehe ich reagieren konnte, spürte ich schon ihre Lippen auf meinen. Das folgende Gefühl lässt sich kaum beschreiben. Für einen Augenblick durchflutete mich ein ungeheures Glücksgefühl, ich wurde eins mit Licht und positiver Energie und spürte nichts als pure Freude und Fröhlichkeit. Ich wäre zu gern weiter in diesem Zustand geblieben, fand mich dann aber kurz darauf wieder im selben Hotelzimmer, immer noch vor Kikubashi sitzend.
"Hat es dir gefallen?" fragte sie lächelnd.
"Phänomenal", gab ich zu, "wo hast du so gut Küssen gelernt?"
Sie kicherte und sagte: "Ich hatte genug Zeit zum Üben!"
"Kikubashi, noch eine Frage", setzte ich an.
"Du kannst mich auch einfach Kiku nennen, wenn du willst", schlug sie vor.
"Gut. Also Kiku, noch eine Frage: Wenn ich dich brauche, wie ich kann ich mit dir Kontakt aufnehmen?"
"Das ist einfach: Halte das Amulett und rufe meinen Namen. Dann bin ich sofort bei dir."
Sie stand auf und verneigte sich.
"Ich muss jetzt weiter, Dorian. Ruhe dich jetzt aus, du bist sicher müde. Wir sehen uns bald wieder. Und danke, dass du mich zu deinem Schutzengel bestimmt hast."
Sie löste sich in einem weißblauen Funkenhagel auf und verschwand.

Seitdem verbindet uns eine tiefe Freundschaft. Sie vertiefte sich sogar noch mehr, als ich sie aus einer grossen Not befreite und bereit war, dafür einen sehr hohen Preis zu zahlen. Doch davon später mehr.

  Besucher: 37816 seit 03.12.2017