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Meine wundersame Uni-Patin

Ich heiße Toto und bin 23 Jahre alt. Nachdem ich meine Schule hinter mich gebracht hatte, wollte ich eigentlich studieren, hatte aber zunächst kein Glück und erhielt nur Absagen. Deshalb absolvierte ich zunächst eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann und bewarb mich erneut. Überraschenderweise bekam ich diesmal die Zusage der Universität von Otaku. Die Stadt selbst war  eine der größten und die Universität riesig. Damit sich die Neuen besser zurechtfinden konnten, bekamen sie für die erste Zeit einen erfahrenen Studenten als Pate zugeteilt. Im Infobrief, den ich bekommen hatte, wurde dieser zwar nicht genannt, ich sollte mich aber am nächsten Tag um 09:00 Uhr beim Eingang 24 einfinden und warten, bis mein Name aufgerufen wurde.

Als ich dort am nächsten Tag ankam, waren schon zahlreiche andere Leute da. Pünktlich um 09:00 Uhr trat dann ein Mann vor die versammelte Menge, begrüßte alle und verkündete, dass nun die Zuteilung der Paten folgen würde. Nach und nach wurde jeder einzelne Name der neuen Studenten aufgerufen und gleich danach sein zugehöriger Pate – nur meiner nicht. Je kleiner die Menge wurde, desto größer wurde meine Befürchtung, eventuell am falschen Eingang angekommen zu sein. Ich schaute deshalb nochmal im Infoschreiben nach, aber da stand tatsächlich der Eingang 24 und diese Zahl befand sich auch über der Tür, vor der ich jetzt in einiger Entfernung stand. Dennoch kam ich mir schon jetzt irgendwie verloren vor, denn ohne Paten konnte man sich in diesem riesigen Komplex, vergleichbar mit dem Flughafen einer Großstadt, einfach nicht zurecht finden und würde sich hoffnungslos verirren, ein Gedanke, der mich schaudern ließ.

Als nur noch ein Student mit mir übrig war und ich schon gar nicht mehr damit rechnete, wurde doch noch mein Name aufgerufen und ich rief laut "Hier!“ Den Namen des Paten verstand ich erst gar nicht, aber es war mir auch egal, Hauptsache ich würde einen bekommen, allerdings sah ich zunächst keinen.

MitikoDann hörte ich, wie mich jemand von der Seite ansprach: "Toto?" Ich drehte mich um und sah zu meiner Überraschung ein hübsches Mädchen mit halblangen, schwarzen Haaren und einer Brille vor mir. Es war etwa einen halben Kopf kleiner als ich, trug einen gelben Pullover, darunter ein Hemd und eine rote Krawatte, einen schwarzen Minirock mit schwarzer Strumpfhose und schaute mich mit einem Blick an, der freundliche Neugier widerspiegelte.

"Äh, ja", antwortete ich, "das bin ich".
"Ich bin dein Pate. Ich heiße Kumiko", sagte sie freundlich.
"Aber… du bist doch ein Mädchen", gab ich zurück.
"Ja," sagte sie freundlich, "das bin ich. Ist das schlimm?"
"Nein, gar nicht", bestätigte ich, "Ich bin nur überrascht, weil es hieß, dass ein Student einen Studenten und eine Studentin eine Studentin als Paten bekommen soll."
"Stimmt", sagte sie, "aber dieses Jahr gab es wesentlich mehr neue Studenten als Studentinnen, im letzten Jahr war es umgekehrt. Deshalb wurde die Trennung nach Geschlecht aufgegeben und es sind jetzt ausnahmsweise auch gemischte Zuteilungen erlaubt."
"Entschuldige, das wusste ich nicht", gab ich zu.
Sie lachte, und das klang total süß.
"Kannst du auch gar nicht wissen. Ich zeige dir jetzt erst einmal das Gebäude. Können wir loslegen?"

Ich nickte und wir gingen los. Das Gebäude war wirklich riesig, aber Kumiko erklärte mir, dass man sich ganz gut an den breiten farbigen Linien an den Wänden orientieren konnte, außerdem gab es an jeder Kreuzung der Gänge einen Lageplan und in bestimmten Abständen Info-Terminals, die den Weg ganz gut darstellen konnten.

Sie zeigte mir die Kantine, die Bibliothek, die Hörsäle, Computerräume, Labore, das Café, die Sekretariate, das Professorengebäude, die Seminarräume, die Galerien und Innenhöfe und weitere Orte, die ich mir gar nicht alle merken konnte, obwohl ich es versuchte. Die Universität war erst vor kurzem modernisiert und stark erweitert worden und verfügte nun mit über die beste Ausstattung des Landes. Der Lehrplan war streng organisiert, ebenso die Besuchszeiten der Professoren und Professorinnen, aber er funktionierte gut. Dazu gab es noch Möglichkeiten, Online-Seminare zu belegen, wo man gar nicht persönlich anwesend sein musste, sondern alles in seinem Zimmer mit dem Computer über eine Website mit verfolgen konnte.

Der Tag verging wie im Flug. Kumiko kümmerte sich wirklich viel um mich. Sie fragte mich öfters, ob ich etwas trinken wollte oder hungrig wäre, ob sie zu schnell reden würde oder ob ich noch Fragen hätte. Wir saßen sowohl beim Mittagessen zusammen, als auch später im Café und bei der Abendmahlzeit und hatten und uns viel zu erzählen. Ich fühlte mich richtig wohl bei ihr und hatte irgendwie den Eindruck, als würden wir gemeinsam auf einer Welle schwimmen. Kumiko erzählte mir nebenbei noch viele Geschichten und Anekdoten rund um den Lehrbetrieb, und so war es mir kaum aufgefallen, dass die Sonne bereits unterging und es schon recht spät geworden war, als wir mit allem durch waren.

"Ich denke, wir müssen uns jetzt verabschieden", sagte sie schließlich, wieder mit diesem bezaubernden Lächeln, das mir so gut an ihr gefiel.
"Schade. Aber vielen Dank, dass du mir alles gezeigt und so viel erklärt hast. Ich fürchte nur, dass ich das sicher nicht alles behalten habe."
Sie nickte verständnisvoll.
"Das ging mir am Anfang auch so. Aber keine Angst, das schaffst du. Die ersten Tage sind die schwierigsten, danach wird es immer leichter."
"Hoffentlich hast du recht", sagte ich etwas skeptisch.
"Ich kann dich ja morgen wieder beim Eingang 24 abholen", schlug sie vor.
"Liebend gern", antwortete ich, "Wann soll ich da sein?"
"Um 08:30 Uhr. Dann können wir noch kurz zum Café, bevor die ersten Vorlesungen anfangen."
"Alles klar."
"Ich freu´ mich!" sagte sie und ging.

Dieses "Ich freu´ mich!" ging mir noch die ganze Zeit, die ich im Bus bis zu meinem Zimmer im Studentenwohnheim unterwegs war, im Kopf herum. Es klang nicht wie eine trockene Höflichkeit, sondern so, als würde sie sich tatsächlich freuen. Es war schwer zu beschrieben, aber Kumiko hatte so eine unverwechselbare Freundlichkeit an sich, die direkt ins Herz floss und mir so viel Zuversicht und Gewissheit gab und einfach das Gefühl, bei ihr sehr gut aufgehoben zu sein. Ich hatte ja befürchtet, als Paten einen arroganten Stoffel zu kriegen, der mich einfach nur durch die Räume schleifen und froh sein würde, wenn er mich wieder los war, aber jetzt war das totale Gegenteil eingetreten. Zurück in meinem Zimmer dachte ich noch viel über den Tag und Kumiko nach und darüber, was ich sie noch alles fragen oder ihr erzählen könnte.

Am nächsten Tag kam ich wie vereinbart um 08:30 Uhr zum Eingang 24. Kumiko war schon da und kaum hatte sie mich gesehen, rief sie meinen Namen und rannte fröhlich auf mich zu. Wir gingen gemeinsam ins Café und unterhielten uns bei einer Tasse Kaffee über unseren Tagesplan. Kumiko studierte ein anderes Fach als ich, daher hatten wir auch getrennte Vorlesungen und Seminare, aber sie versprach, dass ich sie in den Pausen wiedersehen würde und sie auch gern wieder in der Mensa mit mir essen würde. Und sie hielt ihr Wort, besser noch, sie wartete sogar direkt vor dem Raum, in dem ich mich befand, auf mich und holte mich ab. Ich hatte noch nie erlebt, dass ein Mädchen, das ich gerade mal einen Tag kannte, auf mich warten würde. Ein leises Gefühl von Glück schlich sich in mein Herz. In der Mensa hatten wir uns zwei verschiedene Gerichte geholt und als wir am Tisch waren und aßen, fragte sie mich, ob ich mal etwas von ihr probieren wollte. Natürlich wollte ich und gab ihr auch etwas von mir ab. Am Ende des Tages gingen wir gemeinsam durch den großen Innenhof, der wie ein Park angelegt war, und standen schließlich auf einem Hügel, von dem wir die Sonne langsam untergehen sahen. Der Wind strich durch Kumikos Haar und die Sonnenstrahlen leuchteten es seitlich an, während ein paar wenige Wolken über uns hinweg zogen und in der Ferne ein paar Vögel kreischten. Es war, als hätte sie etwas Engelhaftes an sich und ich musste mich sehr zurückhalten, um sie nicht einfach zu umarmen. Sie war wirklich unglaublich süß. Und wenn sie einen Freund hatte, dann musste dieser wohl sehr, sehr glücklich sein.

"Ich muss jetzt leider gehen", sagte sie zu mir, als wir den Ausgang erreicht hatten. "Kann ich dich morgen um 08:30 Uhr wieder treffen?"
"Ja, klar", antwortete ich, "Ohne dich bin ich hier doch glatt verloren."
Sie lachte.
"Bestimmt nicht. Also bis morgen. Ich freu´ mich!" sagte sie und ging.

Ich schaute zum Himmel hinauf, wo bereits die ersten Sterne sichtbar wurden, und dankte dem Schöpfer, dass er mir ein so tolles Mädchen als Patin geschickt hatte. So glücklich wie jetzt hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt, ich hätte glatt zu den Sternen fliegen und darauf tanzen können.

Am nächsten Tag war ich wieder pünktlich um 08:30 Uhr am Eingang 24 angekommen. "Hallo Toto!" hörte ich Kumiko rufen. "Hallo Kumiko!" rief ich ebenfalls und bemerkte nicht, wie sich einige Köpfe der anderen Studenten, die in der Nähe waren, verwundert zu mir umdrehten. Wir saßen anschließend wieder im Café zusammen. Egal was ich Kumiko auch erzählte, sie hörte immer zu und erzählte mir ihre Gedanken dazu. Ich brauchte mir nie Sorgen um ein Gesprächsthema zu machen, wir hatten immer eins. Und wenn ich in einer Vorlesung saß, musste ich mir eingestehen, dass ich mich tierisch darauf freute, sie wiederzusehen. Und wie immer wartete sie auf mich genau vor der Tür.

Wir hatten jetzt die ersten Seminare. Eins davon kam mir gleich von Anfang an schwierig vor, und obwohl ich mir eifrig alles notierte und Fragen stellte, verstand ich das Thema nicht. Entweder war es zu abstrakt oder zu verschachtelt, jedenfalls wollte es nicht in meinem Kopf hinein. Am Ende war ich froh, dass es klingelte und die Stunde zu Ende war.

"Toto, was hast du?" fragte mich Kumiko, als ich aus der Tür kam und sie mich sah. Offenbar stand mir die Verwirrung ins Gesicht geschrieben.
"Ich habe nix verstanden, vom ganzen Seminar nicht", erklärte ich ihr.
Sie nickte und sagte: "Komm´ mit!"
Verwundert folgte ich ihr. Kurz darauf waren wir in einem Aufenthaltsraum angekommen. Kumiko suchte uns einen Platz an einem freien Tisch, und nachdem wir uns hingesetzt hatten, fragte sie:
"Kann ich mal sehen?"
Ich kramte meine Unterlagen heraus und zeigte sie ihr. Sie studierte sie eine Weile aufmerksam, dann tippte sie mit dem Finger auf eine Stelle.
"Das hier kann nicht stimmen."
Verwundert schaute ich genau hin. Dabei fiel mir auf, dass sie wunderschöne Hände und Finger mit kurzen Fingernägeln hatte.
"Du verstehst das?" fragte ich sie.
"Nicht alles", gab sie zu, "aber das hier kann nicht stimmen. Es ist nicht logisch. Ich erkläre es dir."
Und sie erklärte es verdammt gut. Obwohl es nicht ihr Studienfach war, hatte ich den Eindruck, sie hatte den Stoff in kürzerer Zeit viel besser verstanden als ich. Konnte das sein? War sie jetzt nicht nur meine Patin, sondern auch noch meine Tutorin geworden?

Dank ihr hatte ich jetzt alles verstanden. Sie hatte irgendwie eine interessante Strategie, sich den Stoff anzueignen, und ich merkte, dass ich sie auch in anderen Fächern erfolgreich anwenden konnte. Das war überaus erstaunlich.

Als wir am Abend wieder auf dem Hügel standen, dankte ich ihr nochmal ausdrücklich für alles, was sie bisher für mich getan hatte. Sie lachte wieder. "Nichts zu danken! Es macht ja auch Spaß, dir zu helfen." Wir verabschiedeten uns am Ausgang wieder. Als ich sie davongehen sah, hatte ich plötzlich eine Idee und eilte in den nächsten Supermarkt, um sie ja nicht zu vergessen.

Als ich am nächsten Tag im Bus saß, der mich zum Eingang 24 bringen würde, freute ich mich schon unheimlich auf Kumiko und hoffte, dass ich ihr mit meiner kleinen Überraschung eine Freude machen konnte.

Ich stieg aus und sah mich um. Irgendwo musste sie sein. Aber ich sah sie nicht. Das war seltsam, sie war doch sonst immer da gewesen. Und selbst wenn ich sie nicht sah, würde sie doch auf mich zugelaufen kommen, sobald sie mich sah. Aber nichts dergleichen geschah.

Die anderen Studenten gingen ungerührt an mir vorbei. Ich fühlte mich plötzlich allein und leer und  fühlte, wie die eiskalte Angst in mein Herz schlich. Was, wenn ich sie heute gar nicht treffen würde? Was, wenn ich sie überhaupt nie wieder treffen würde? Eine halbe Stunde ging ich auf und ab, aber Kumiko war nicht zu sehen. Völlig verwirrt und schwermütig machte ich mich schließlich auf zur ersten Vorlesung.

Meine Befürchtungen bewahrheiteten sich: Ich sah Kumiko den ganzen Tag nicht. Sie wartete nicht wie üblich vor der Tür, sie war nicht in der Mensa und auch nicht im Park. Und ich verfluchte mich, weil ich eigentlich nie nach ihrem Nachnamen, ihrer Adresse oder der Telefonnummer gefragt hatte. Ich hatte wohl vor lauter Glück nicht daran gedacht, dass das mal notwendig sein würde. Traurig kehrte ich am Abend in mein Zimmer zurück, warf meine Tasche in die Ecke und ging gleich schlafen. Ich hätte ohnehin nichts mehr erledigen können, ich hatte gar keine Lust dazu.

Am nächsten Tag war Kumiko auch nicht da und den Tag danach auch nicht. Ich begann mir ernsthaft Sorgen um sie zu machen. Deshalb fragte ich im Sekretariat nach, wo denn meine Patin sein könnte. Zu meiner Überraschung kannte man dort auch eine Kumiko und zeigte mir ein Foto von ihr, aber das war nicht meine Patin. Ich wurde gefragt, ob ich nicht zufrieden wäre und einen anderen Paten wollte, aber ich lehnte dankend ab. Stattdessen ging ich überall an den Schwarzen Brettern einen Suchhinweis auf, in dem ich Kumiko, so gut ich konnte, beschrieb und hinterließ meine Telefonnummer. Tatsächlich meldeten sich daraufhin ein paar Mädchen namens Kumiko bei mir, eins davon war sogar richtig nett, aber meine Patin, meine Kumiko, blieb verschwunden.

Ich war nun mit einem Latein am Ende. Die Tage kamen mir öde und leer vor. Ich notierte mir zwar  viel bei den Vorlesungen, bekam aber trotzdem wenig mit. Das Essen in der Mensa schmeckte immer fade. Die Sonne spendete keine Wärme, das Abendrot wirkte blass. Es war, als wäre alle Lebensfreude aus mir gewichen. Es gab nichts mehr, was mir Spaß machte. Ich verbrachte meine Abende mit Chips und Fernsehen, statt mich auf den nächsten Tag vorzubereiten. Eine bleierne Melancholie hatte mich erfasst, und der Gedanke, das Studium aufzugeben und weit, weit weg zu ziehen, kam mir immer interessanter vor. Plötzlich meldete sich meine innere Stimme. Sie war der Meinung, dass Kumiko einen Freund haben müsse. Der wäre sicher sauer gewesen, dass wir uns so gut verstanden, und hätte ihr jeglichen Kontakt mit mir verboten. Obwohl ich das nicht wirklich glaubte, fiel mir nicht wirklich ein Grund ein, der direkt dagegen sprach. Also musste es wohl so sein. Mein Herz rebellierte zwar, aber mein Verstand sagte mir, dass ich wohl ohne sie weitermachen müsste. Nur wozu, das konnte er mir nicht sagen. Und auch nicht, womit ich dieses Unglück überhaupt verdient hatte.

Als ich gerade mal wieder niedergeschlagen in einer Ecke saß und auf das Ende der Pause wartete, um zur nächsten Vorlesung zu gehen, tippte mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehte mich um und riss die Augen auf: Dieses Mädchen war doch …

"Kumiko!" rief ich, "Bist du wirklich Kumiko?"
Sie lächelte und nickte.
"Ja, ich bin es wirklich."
Voller Freunde umarme ich sie. Ich konnte jetzt nicht anders und sagte ihr danach:
"Mann, bin ich froh, dass du da bist! Ich habe dich so vermisst."
"Du… hast mich vermisst?" fragte sie leicht verwirrt.
"Ja, du warst plötzlich weg. Ich habe dich überall gesucht, aber nicht gefunden. Ich dachte schon, ich würde dich nie mehr wiedersehen."
"Hat sich Kumiko nicht um dich gekümmert?" fragte sie.
Ich schaute sie verwirrt an.
"Welche Kumiko? Ich kenne nur dich."
Sie schaute mich einen kurzen Augenblick nachdenklich an. Und wieder sah sie genau in diesem Augenblick unheimlich süß aus. Am liebsten hätte ich diesen Moment fotografiert, denn er ging viel zu schnell vorüber.
Dann nickte sie.
"Ich denke, ich muss dir etwas erzählen. Komm´ mit!"
Wir gingen in einen Aufenthaltsraum und setzten uns dort an einen Tisch neben dem großen Fenster.
"Weißt du, Toto", begann sie, "Kumiko wurde als deine Patin ausgewählt. Aber sie konnte die ersten Tage nicht. Deshalb hat sie mich gebeten, sie zu vertreten. Es gibt da nur ein Problem: Ich bin erst im zweiten Halbjahr, und um Pate werden zu können, muss man mindestens im dritten Halbjahr sein. Also musste ich so tun, als wäre ich Kumiko, sonst hätte ich das gar nicht machen dürfen."
Sie senkte kurz den Blick, dann schaute sie mich wieder an und fuhr fort.
"Es tut mir wirklich leid, dass du die letzte Woche allein geblieben bist. Ich war auf Exkursion und hatte Kumiko gesagt, dass sie sich während meiner Abwesenheit um dich kümmern sollte. Aber das hat sie offenbar nicht getan."
Ich schaute sie mit offenem Mund an. Mir waren viele Gründe für ihre Abwesenheit durch den Kopf gegangen, aber mit so einem hatte ich nicht gerechnet.
"Wahrscheinlich war das ganze sowieso eine blöde Idee, ich hätte mich gar nicht darauf einlassen dürfen. Bitte verzeih mir."
Ich schüttelte den Kopf.
"Nein, es war eine gute Idee! Aber was ist denn jetzt dein Name?" wollte ich wissen.
"Ich heiße Mitoko", antwortete sie.
"Mitoko … " wiederholte ich gedankenverloren.
Sie schaute mich fragend an.
"Ja. Warum?"
"Klingt, als ob etwas Kleines immer größer wird", antwortete ich. "Und ein bisschen wie … Schoko".
Plötzlich lachte sie.
"Wie Schoko! Du bist süß."
"Weißt du, Mitoko, ganz ehrlich, ich bin froh, dass du Kumiko vertreten hast. Ich hätte mir keine bessere Patin wünschen können. Du warst immer da, wenn ich dich brauchte. Du hast mir so viel gezeigt und erklärt, nicht nur die Räume, auch wie man seine Seminaraufgaben löst. Du warst der Grund, warum ich mich jeden Tag gefreut habe, an dieser Uni zu sein. Es war immer schön, sich mit dir zu unterhalten, deine Gedanken zu hören, mit dir das Abendrot zu genießen. Deine Fröhlichkeit hat mich oft aufgemuntert. Und du hast mir wirklich sehr gefehlt. Ich war schon nahe dran, das Studium abzubrechen, weil ich ohne dich nichts mehr auf die Reihe gebracht habe."
Sie staunte.
"Echt? Bitte brich dein Studium nicht ab. So wichtig bin ich auch nicht."
"Doch, Mitoko", betonte ich, "Das bist du!"
Sie blickte nach unten. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Dann schaute sie mich wieder an.
"Danke. Ich hätte nie gedacht, dass ich dir so wichtig sein könnte. Für die meisten bin ich nur die kleine Brillenschlange, die zwar viel lernt, aber sonst nur langweilig ist."
"Ich finde es gerade gut, dass du eine Brille trägst. Sie steht dir übrigens sehr gut!"
Mitoko errötete leicht.
"Danke, Toto. Ich bin auch froh, dass ich dich kenne. Ich mag dich sehr."
"Bevor ich es vergesse: Ich habe noch etwas für dich."
"Für mich?" fragte sie verwundert. Ich kramte in meiner Tasche herum und übergab ihr dann das kleine Geschenk mit den Worten:
"Das ist für dich, weil du mir so geholfen hast."
"Oh, danke, Toto. Das wäre echt nicht nötig gewesen. Kann ich es gleich öffnen?" fragte sie.
Ich nickte. Sie holte einen kleinen Schlüsselanhänger heraus, der wie ein Kristalltropfen aussah.
"Wenn man ihn ins Licht hält, entsteht ein schönes Farbenspiel. So wie du Farbe in mein Leben gebracht hast", erklärte ich.
"Vielen Dank, Toto", sagte Mikoto und lächelte, "Das ist mehr, als ich verdient habe. Darf ich dich umarmen?"
"Natürlich."
Ihre Umarmung war himmlisch. Danach sagte ich:
"Ich hoffe, es stört deinen Freund nicht, dass ich dir sowas geschenkt habe."
Sie kicherte.
"Bestimmt nicht, ich habe keinen Freund. Du brauchst dir da also keine Sorgen zu machen."
Mir fiel ein Stein vom Herzen.

"Alles klar. Und jetzt bin ich dran, dich abzuholen. Wo bist du in der nächsten Stunde?"
Sie kicherte, dann verriet sie es mir.

Dies war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Bitte nicht falsch verstehen: Der Beginn einer Freundschaft ist immer schön. Der Beginn einer Freundschaft mit einem Mädel ist aber etwas anderes, etwas ganz Besonderes. Wenn ein Mädel so eine Freundschaft zulässt, ist es immer eine Ehrensache. Es ist, wie es einst ein berühmter Dichter sagte: Freundschaft ist Liebe mit Vernunft.

Mitoko und ich waren von nun an immer füreinander da. Mal wartete ich auf sie vor ihrem Raum, mal sie vor meinem. Wir lernten unseren Stoff gemeinsam, fragten uns gegenseitig ab oder gingen gemeinsam in die Bibliothek. Am Wochenende besuchten wir uns oft in unseren Wohnheimen, kochten zusammen, hörten Musik, gingen ins Kino oder fuhren Fahrrad. Das Studium war zwar trotzdem nicht immer leicht, aber mit unserer gegenseitigen Unterstützung kamen wir durch alle Prüfungen. Kumiko habe ich übrigens nie getroffen. Sie hatte das Studium abgebrochen und war weggezogen. Wie auch immer das Schicksal entschieden hatte, ich bin ihm dankbar, denn nichts ist süßer als meine wundersame Uni-Patin.

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