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Prolog: Der dämonische Blick

Als der September gerade vorbei war und der Oktober schon angefangen hatte, also im Winterhalbjahr, bekam unsere Klasse eine neue Mitschülerin. Ihr erstes Erscheinen kam ziemlich überraschend, denn unser Unterricht hatte gerade begonnen, als plötzlich jemand die Tür öffnete und eintrat. Die ganze Klasse blickte plötzlich wie gebannt Richtung Tür.
»Entschuldigung, ich habe mich verspätet, ich habe den Klassenraum nicht gleich gefunden«, sagte sie etwas atemlos.
Unser Lehrer stellte sie uns vor, erklärte sie zur neuen Mitschülerin und wies ihr einen Platz zu, um dann in gewohnter, wie immer langweiliger Weise mit dem Unterricht fortzufahren.
Mein erster Eindruck war etwas verwirrend, da er eher widersprüchlich war: Unsere neue Mitschülerin sah auf den ersten Blick normal, eigentlich sogar ziemlich hübsch aus, aber zugleich hatte sie etwas Unheimliches an sich. Sie war etwa 1,68 Meter groß, schlank, ihr Haar war eine Mischung aus Kastanienbraun und Rot, glatt und fiel ihr bis auf die Schultern, sie trug eine helle Jeansjacke und darunter einen dunkelgrünen Pullover, ihre Jeanshose war dunkelblau und ihre Halbschuhe flach und dunkelbraun, fast schwarz. Ihr Schulranzen bestand aus einer schwarzen Ledertasche. Wenn man sie jedoch eine Weile ansah, bemerkte man schnell, das etwas mit ihren Augen anders war, sie strahlten eine unheimliche Aura aus, waren angsterregend, fast dämonisch.
Im weiteren Verlauf des Unterrichts verhielt sie sich still, und wenn sie etwas gefragt wurde, dann antwortete sie ziemlich einsilbig. Deshalb merkte man kaum etwas von ihrer Anwesenheit, außer wenn man mal zufällig in die Richtung sah, in der sie war. Trafen sich ihr und mein Blick zufällig, hatte ich das Gefühl, als würde mir jemand direkt tief in die Seele blicken und fühlte sowas wie einen leichten Blitzschlag.
Die nächsten Tage verliefen relativ ereignislos, aber mir fiel auf, daß unsere neue Mitschülerin offenbar von allen gemieden wurde, sogar von den Mädchen in unserer Klasse. Keiner schien sich mit ihr unterhalten zu wollen, sie blieb auch in den Pausen allein, in der Schulstunde setzte sich niemand neben sie (was sicher auch daran lag, daß alle bereits ihren festen Tischnachbarn gefunden hatten und keiner, außer ihr, mehr allein zu sitzen brauchte), und am Unterricht beteiligte sie sich kaum. Als Grund konnte ich nur vermuten, daß es wahrscheinlich mit ihrer unheimlichen Ausstrahlung zu tun hatte, denn ich hatte es schon mehrmals beobachtet: Wenn schonmal jemand mit ihr sprach, dann versuchte er ihrem Blick auszuweichen und das Gespräch auf ein Mindestmaß zu reduzierten, sogar wenn es ein Lehrer war. Ob ich mich anders verhalten hätte, kann ich nicht sagen, ich mußte jedoch im Laufe der Zeit feststellen, daß ich sie zwar unheimlich, aber andererseits auch faszinierend fand. Sicherlich spielte meine Neugier auf alles Unbekannte dabei auch eine Rolle. Ich stellte sogar fest, daß ich ihrem Blick eine Weile standhalten konnte, wenn auch der Blitzschlag dann etwas heftiger war, aber keineswegs unangenehm, sondern so als würde sich so eine Art kribbelnder Kriechstrom aufbauen. Eine Gelegenheit mit ihr zu sprechen ergab sich jedoch nicht, da ich mich erstens nicht traute und sie anfangs nur zwei- oder dreimal eine ihrer Mitschülerinnen ansprach und dann darauf verzichtete. Mit wem sie auch redete, alle wichen ihr aus und keiner traute sich ihr in die Augen zu sehen, und so war es kein Wunder, daß sie es aufgab. Selbst wenn jemand einen Witz machte und die ganze Klasse lachte, blieb sie immer ernst und lächelte nie.
Der Rest der Woche verlief, ohne daß sich an der Situation etwas änderte. Irgendwie tat sie mir leid, andererseits wußte ich auch nicht, was ich daran ändern sollte. Wenn sie schon nicht mit den Mädchen in unserer Klasse sprechen konnte, dann hatte sie sicher noch weniger Interesse an einem Gespräch mit mir. Und hätte ich sie von mir aus einfach so angesprochen, hätte sie sich vielleicht veralbert gefühlt, so nach dem Motto: Da spricht einer nur aus Mitleid mit mir. Ich fand das schade, mußte es aber dabei belassen.
Wie meistens in solchen festgefahrenen Situationen übernahm der Zufall die Regie und wollte es, daß am nächsten Tag mein Tischnachbar krank war und nicht zum Unterricht kam, außerdem hatten wir eine Freistunde. Meine Klassenkameraden zogen es vor, während dieser Zeit in die Stadt zu gehen, aber ich wollte die Sonderpause sinnvoller nutzen und setzte mich an einen Tisch in der fast leeren Pausenhalle, um die Hausaufgaben der letzten Stunde zu erledigen. Da geschah es:
Ich hatte mich völlig in die Arbeit vertieft und bekam deshalb gar nicht mit, was um mich herum passierte. Deshalb war ich total überrascht, als ich plötzlich diese Stimme hörte:
»Entschuldigung, darf ich mich hier hinsetzen?«
Erschreckt fuhr ich zusammen, denn einmal hatte mit sowas gar nicht gerechnet, zum anderen ahnte ich bereits, wem die Stimme gehörte.
Ich drehte mich um und fühlte wieder diesen eigenartigen Kriechstrom, denn es war wirklich das Mädchen mit den Dämonenaugen. Und in diesen grünen Augen, die ich jetzt zum ersten Mal so nahe sah, konnte ich wieder diese seltsame Unheimlichkeit erkennen, aber gleichzeitig auch etwas Unsicherheit und ihrem Gesichtsausdruck konnte ich deutlich ansehen, daß sie schon eine Ablehnung erwartete. Was sollte ich ihr antworten?

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